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heiß, 28–29° r., ich führe mein einsiedlerleben noch immer in so ferne fort,
als ich zuhause frühstücke und speise, auch sonst Park, theater und der-
gleichen stereotype Badner lustbarkeiten nicht besuche, daher auch die
gewöhnliche hiesige sommergesellschaft wenig sehe. in diese haben frey-
lich einige todesfälle etc. eine starke Brêche gemacht, doch sind von alten
piliers noch immer da: csákys, Bethlen, török, geusau etc. etc., sonst sind
noch von Bekannten, die ich sah, hier: gablenz, der klavierspieler leopold
meyer, miska [esterházy], horniker, Baptiste Batthyány, Baronne hru-
schowsky etc. und wie natürlich die beyden ehepaare Pallavicini und mo-
cenigo sammt der alten spaur.
meine schwestern, besonders gabrielle, sehe ich viel, während flore
mich mehr mit leiblicher nahrung versorgt, gestern war ich mit ihr bey
fünfkirchen in vöslau und dann Abends zum thee bey Brigido, welche
aber heute abgereist ist, ein solches haus für die jetzt doch schon länger
werdenden Abende wäre mir aber sehr willkommen, vielleicht finde ich es
bey der schönen frau von schwarz, die mich neulich engagirte.
doblhoff sah ich regelmäßig jeden morgen, er ist heute in die stadt, um
sodann in circa 8 tagen auf seinen Posten zurück zu kehren, ein seltener,
prächtiger mensch, aber noch immer fait pour être la dupe des autres. fi-
scher, der neulich mit ihm bey mir war, gab mir zum durchlesen eine sehr
ausführliche selbstbiographie aus der Periode seiner oberösterreichischen
statthalterschaft,1 eine schrift qui peint l’homme, halb Bureaukrat, halb
schwärmer.
mittlerweilen rüste ich mich zu meiner aegyptischen reise, wenn nicht
Wichtigeres dazwischen kömmt, welches binnen wenig tagen entschieden
seyn muß, ich erwarte es mit großer ruhe, weiß wirklich und wahrhaftig
nicht, was ich wünschen soll, glaube aber doch, ich werde nach Aegypten
gehen, ohne einen grund dafür angeben zu können.
meine gesundheit erholt sich sichtlich, ich gehe nun schon langsam aber
stundenlang ohne auszuruhen, und würde noch schneller mich erholen,
wenn ich nicht einen fatalen husten erwischt hätte, welchen ich aber nun
auch überstanden zu haben hoffe. Was ich sonst noch bis mitte october, um
welche Zeit ich abzureisen gedenke, unternehme, non lo so, hier bleibe ich
jedenfalls noch wenigstens 14 Tage, bis ich ganz fix und fertig bin, um den
monatswechsel werde ich dann einige tage mich in Wien aufhalten müs-
sen, um meinen Auszug aus meiner Wohnung zu besorgen, ein sehr fatales
und unangenehmes geschäft.
1 Vgl. Alois Fischer, Aus meinem Amtsleben (Augsburg 1860, 2. Aufl. Innsbruck 1860).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien