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Tagebücher674
katholischen mission in chartum und centralafrica, welche mir gablenz in
Wien mittheilte. dr. spitzer, welcher hier wohnt, muß mir über eine menge
kleiner fragen wegen der equipirung etc. Auskunft geben.
es hat sich demnach meine neulich ausgesprochene vermuthung bestä-
tiget, und ich bin von meiner orientalischen reise nicht abgehalten wor-
den, es ist besser so, das fühle ich, und es war eigentlich ein leichtsinniger
streich von mir, jenen seitensprung zu machen, welcher gar nicht in meine
ganze lebensentwicklung, zu meinen Plänen und Ansichten paßte, ich will
nicht sagen im Allgemeinen, sehr wahrscheinlicherweise aber in diesem
speciellen falle. das fühlte ich auch während der dauer der ungewißheit
an einer gewissen Beängstigung, welche mich ergriff, als ich eine Zeit lang
den entgegengesetzten Ausgang zu ahnen glaubte.1
neulich besuchte mich hier mein ehemaliger londoner secretaire, le-
pel, fand mich aber nicht zuhause, ich hätte ihn gerne gesehen. ich war
in der vergangenen Woche über nacht in Wien, machte dort eine menge
geschäfte ab und sah eine menge leute. die orientalische frage ist noch
nicht am Ende. Rußland scheint die türkischen Modificationen des Wiener
ultimatums nicht annehmen zu wollen, england und frankreich dagegen
scheinen ihrer rolle als schutzherren der türkey müde zu werden, womit
es ihnen übrigens niemals recht ernst war, kurz die türkey wird wahr-
scheinlich geopfert werden und höchstens, auch das vielleicht nicht, que
s’on sauvera les apparences, solange rußland oesterreich im sacke hat,
kann es im oriente thun was es will, und jenes ist jetzt mehr als je der fall.
kaiser nicolaus kömmt am 21. ins lager nach olmütz, wohl nur um un-
serem geliebten, verliebten und kurzsichtigen jungen herrn die nase noch
länger zu drehen, zugleich vielleicht eine versöhnung zwischen ihm und
dem Prinzen von Preußen, der als Bundesinspector kömmt, zu bewirken.
eine komödie mehr: die ungarische krone ist gefunden,2 wird mit gro-
ßem Pompe nach ofen gebracht, dort 3 tage ausgestellt und dann ebenso
nach Wien gebracht, wo sie der kaiser auf dem throne sitzend empfängt,
worauf sie in die schatzkammer abgeliefert wird, später aber, so sagt man,
wieder nach ofen gebracht werden soll – ? – das geschieht am 19., alle
magnaten etc. sind citirt, ich bin neugierig, ob viele den narrenzug mitma-
chen werden.
1 gemeint ist Andrians versuch, seine stellung zum hof im positiven sinn zu klären und
dadurch in den staatsdienst zurückkehren zu können, vgl. etwa die Audienz beim kaiser
am 20. Juni (eintrag v. 21.6.1853).
2 die stephanskrone war vom letzten ungarischen ministerpräsidenten Bertalan (Bartholo-
mäus) v. szemere auf seiner flucht bei orsova an der donau an der ungarisch-türkischen
grenze vergraben worden.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien