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Tagebücher678
sollte. Aus Allem, was ich höre, namentlich aus den wiederholten unterre-
dungen, welche gabrielle im laufe dieses sommers über diesen Punct mit
erzherzog Albrecht gehabt hat, entnehme ich, daß eine sinnesänderung im
Werden ist, dieser muß ich nun Zeit zu reifen lassen, nach mehreren Bey-
spielen zu schließen, glaubt der kaiser seiner Würde zu vergeben, wenn er
ein unrecht oder einen irrthum eingestehen oder denselben zu bald gutma-
chen wollte. vor der hand bin ich also noch immer in suspenso, von der un-
tersuchung gegen die k.k. kämmerer verlautet nichts, aber eben so wenig
von einer niederschlagung derselben im Allgemeinen oder speciell in Be-
ziehung auf mich, mein gesuch wegen des Johanniterordens ist und bleibt
abgeschlagen (die erste und bisher einzige manifestation der kaiserlichen
ungnade),1 und wiewohl ich überzeugt bin, daß man mir jetzt dasselbe mit
freuden bewilligen würde, so kann ich doch eigentlich dasselbe nicht wie-
derholen, weil nichts positives geschehen ist, um mich dießmal eine bessere
Aufnahme hoffen zu lassen, eine Wiederholung, die ich übrigens schon deß-
wegen nicht versuchen würde, pour les laisser dans leur tort, was für mich
unter diesen umständen die günstigste Position ist.
ein sehr characteristischer umstand, welcher viel böses Blut macht und
noch machen wird, ist daß Louis Napoléon den französischen Offizieren,
welche ins lager nach olmütz abgeschickt worden waren, die erlaubniß
verweigert hat, der einladung des kaiser nicolaus zu folgen, und zu den
manœuvres nach Warschau zu kommen, das ist eine taktlosigkeit, welche
ich nicht erwartet hätte.
[Wien] 8. oktober
es ist jetzt eine Zeit der Bestürzung und des durcheinanderrennens, d.h.
der Börse und des Publicums, die offizielle Welt, die Armée etc. dagegen
verhalten sich ziemlich ruhig. Am 3. kam eine telegraphische depesche,
welche nichts geringeres als die von seiten der türkey erfolgte kriegser-
klärung gegen rußland brachte. später klärte sich die sache dahin auf,
daß allerdings der divan am 26. einstimmig den Antrag auf krieg (mit
gleichzeitiger Bestimmung einer peremtorischen 4wöchentlichen frist an
rußland zur räumung der fürstenthümer) gestellt, der sultan jedoch noch
nichts entschieden hat, die resultate der olmützer Besprechungen waren
damals in constantinopel noch nicht bekannt, und wenn diese, wie versi-
chert wird, friedlicher und concilianter natur sind, so hofft man, daß sich
der sturm auch dießmahl legen werde.2 Jedenfalls ist man der Ansicht,
1 Zur Ablehnung von Andrians gesuch, einen Antrag zur Aufnahme in den malteser- (= Jo-
hanniter-) orden stellen zu dürfen, vgl. eintrag v. 12.5.1853.
2 die türkische kriegserklärung erfolgte am 4.10.1853, der beim treffen der beiden kaiser
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien