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schau zurückkam, um ihn um eine stunde zu bitten, und erhielt nach we-
nig stunden die Antwort, er werde mich mit vergnügen sehen, doch könne
er mir keine stunde bestimmen, da er selbst so sehr gehetzt sey, der kaiser
geht nämlich trotz Allem morgen oder übermorgen auf einige tage nach
Possenhofen, um seine Braut zu besuchen. ich versuchte es denn heute
früh, es war jedoch nicht möglich ihn zu sehen, und sein Adjutant sagte
mir, morgen werde es leichter seyn. die leute wissen Alle vor geschäften
nicht, wo ihnen der kopf steht.
mein alter freund malaguzzi, den ich noch vor 3–4 tagen gesprochen
hatte, ist plötzlich gestorben, es war ein vortrefflicher, gescheidter Mann,
um den es mir wahrhaft leid thut.
seit lange hat nichts eine solche sensation gemacht als das gestern ganz
unerwartet erschienene Patent, wodurch den Juden das recht, liegenschaf-
ten zu erwerben, wieder genommen wird, und zwar einstweilen und bis
zur definitiven Regelung der staatsbürgerlichen Verhältnisse der Juden, so
daß diese nun natürlich noch schlimmeres und darunter vornehmlich die
Beschränkung ihres Aufenthaltsrechtes, überhaupt die Zurückführung auf
den Zustand vor 1848 erwarten.1 ganz abgesehen von dem inneren Werthe
oder unwerthe jener verordnung ist jedenfalls der Augenblick sehr unge-
schickt gewählt, da man in nächster Zukunft sehr möglicherweise den Bey-
stand der geldwelt bedürfen wird, zudem war diese „provisorische“ verord-
nung durch nichts, durch keine klage, keinen übelstand provocirt, daher
ihre veranlassung nur in dem blinden hasse gegen Alles, was dem Jahre
1848 seinen ursprung verdankt, zu suchen ist.
[Wien] 17. october
seit vorgestern bin ich aus meiner Wohnung ausgezogen und wohne nun
im hôtel meisl,2 ich hatte diese tage alle hände voll mit diesem umzuge zu
thun, welcher sich dadurch complicirte, daß ich gegenwärtig noch immer
nicht weiß, ob ich den Winter im oriente oder anderswo zubringen werde.
ich habe daher viele meiner effecten etc. verpacken lassen, einen großen
theil derselben aber mit mir ins hôtel genommen. von meinen meubles
habe ich den größten theil verkauft.
1 kaiserliche verordnung v. 2.10.1853 über die provisorische Wirksamkeit der, vor dem
Jahre 1848 bestandenen, die Besitzfähigkeit der israeliten beschränkenden vorschriften.
Damit wurden vom Tage der Kundmachung an (7.10.1853) „bis zur bevorstehenden defini-
tiven regulirung der staatsbürgerlichen verhältnisse der israeliten“ in allen kronländern
die jeweiligen bis zum 1.1.1848 bestehenden Beschränkungen wieder in kraft gesetzt. Be-
reits vollzogene rechtsgeschäfte, also der erwerb in der Zeit von 1848 bis zum inkrafttre-
ten der verordnung, blieben davon unberührt.
2 richtig hotel meißl & schadn am neuen markt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien