Seite - 682 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Bild der Seite - 682 -
Text der Seite - 682 -
Tagebücher682
natürlich zum teufel ginge. Bach ist natürlicherweise ein stummer knecht
und wird sich nicht einmahl ein Achselzucken erlauben.
vorgestern kam ein graf colloredo aus udine zu mir, neveu des luogo-
tenente des malteserordens und selbst ein eifriger malteser, ich hatte ihn
letzten Winter bey morzin kennen gelernt, er war diesen sommer in rom
bey seinem oheim gewesen und sagte mir mit offenbarer Absichtlichkeit,
daß sein oheim gehofft habe, mich in den orden treten zu sehen, daß er sich
wiederholt geäußert habe, der orden brauche leute wie mich (hier eine An-
zahl complimente), um seine schicksale zu erfüllen, und ich möchte doch
ja mich nächstes Jahr abermals praesentiren, zuletzt sagte er, man hätte
für den fall als es nöthig würde, für morzin einen nachfolger als receveur
Géneral etc. zu finden, das Auge auf mich geworfen. Man scheint nämlich
nach khevenhüllers Absterben, mit übergehung fritz schönborn’s, mor-
zin zum grand Prieur zu designiren. das würde wohl einige überlegung
verdienen, übrigens habe ich, wie ich schon neulich erwähnte, gewichtige
ursachen, mich nächstes Jahr nicht zu praesentiren, und an eine Zukunft
des ordens glaube ich nicht. Andererseits wäre es allerdings pecuniär und
sonst ein ganz annehmbares etablissement.
gabrielle ist vor mehreren tagen nach ofen abgereist. feri gyulai ist
jetzt hier, neulich sprach ich Prokesch, welcher auf der heimreise nach
frankfurt hier ist, und gestern den eben angekommenen Alexander mens-
dorff, welcher sein möglichstes thut, um seinen Posten und überhaupt
die diplomatische carriére los zu werden und gar kein geheimniß daraus
macht.
[Wien] 29. october
der kaiser kam anstatt am 19. erst am 22. Abends zurück, und es war
mir erst gestern möglich, mit grünne zu sprechen, und auch das ohne eine
eigentliche Antwort zu erhalten. grünne sagte mir nämlich, er habe über
meine vorhabende reise bisher nur en passant mit seiner majestät gespro-
chen und keine eigentliche Antwort erhalten, er meine zwar, es werde kei-
nen Anstand haben, doch möchte ich übermorgen, den 31. wieder zu ihm
kommen. ich bin daher jetzt, wenige tage vor meiner Abreise, noch immer
im Dunkeln und Ungewissen, obwol ich nicht zweifle, daß man mir durch-
aus keinen Anstand machen wird, thäte man es dennoch, so wäre es ein
Beweis, daß man hinsichtlich meiner zu einem entschlusse gekommen sey,
was ich jetzt noch nicht glaube, obwohl sich die Anzeichen mehren, daß et-
was dergleichen im Anzuge sey, erst neulich schrieb mir gabrielle aus sehr
wohlunterrichteter und verläßlicher Quelle etwas Ähnliches. Aber bey uns
brauchen dergleichen dinge immer sehr lange Zeit zum reifen. ich bin in
dieser Beziehung mit mir vollkommen ins reine gekommen. das Bessern-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien