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Tagebücher684
das Wetter war bisher ganz außerordentlich schön und warm, ein octo-
ber, wie man sich dessen kaum erinnert, jetzt seit 1–2 tagen fängt es an,
kühl und neblicht zu werden.
triest 8. november
Am 31. kam ich zu grünne und fand bey ihm eine überfüllte und glänzende
Antichamber, aus der ich jedoch schneller, als ich gehofft hatte, wieder
fortkam, indem grünne mich bald hereinrief, um mir zu sagen, daß gegen
meine reise nicht der mindeste Anstand obwalte.
tags vorher war gabrielle von ofen gekommen, und theils ihr zu liebe
(welche noch immer hoffte, man werde mich in Wien festhalten), theils um
noch ein übriges zu thun, meldete ich mich um eine Audienz beym kai-
ser und erhielt diese am 2. dieses monats. ich wollte mich hauptsächlich
überzeugen, ob grünne wirklich mit dem kaiser gesprochen habe, was bey
seinem leichtsinne und seiner vergeßlichkeit nicht so ganz ausgemacht
schien. ich wiederholte daher dem kaiser ungefähr das, was ich grünne
gesagt hatte, und fügte schließlich bey, daß ich nicht zweifle, daß er, wie er
mir im Juny versprochen, die mich betreffenden Aktenstücke gelesen ha-
ben werde, und daß ich demnach überzeugt sey, daß der moment kommen
werde, wo er es für angemessen halten werde, meine dienste in irgend ei-
ner richtung in Anspruch zu nehmen und mir die gelegenheit zu geben etc.
der kaiser war sehr gnädig, freundlich und sogar heiter, wie ich ihn noch
nie gesehen, ich weiß nicht, wieviel davon auf rechnung des Brautstandes
oder aber auf die seiner veränderten stimmung gegen mich zu setzen ist – –
natürlich blieb es seinerseits auch dießmal bey Phrasen.
inzwischen habe ich hiermit jedenfalls einen schritt vorwärts gemacht,
und gabrielle wird hoffentlich dafür sorgen, daß die resultate Alles dessen,
was seit 6 monathen geschehen ist (und was mir allerdings nicht unbedeu-
tend scheint), während meiner Abwesenheit nicht verloren gehen, im früh-
jahre, wenn ich zurückkehre, muß allerdings die hauptsache geschehen.
Je fis donc mes paquets und reiste am 5. früh von Wien ab, nachdem ich
den letzten Abend noch bey gabrielle zugebracht hatte, welche morgen nach
Pesth zurückkehrt, ich fuhr über den semmering beym schönsten Wetter
mit einer BuenosAyres’schen familie und deren ewig schreyendem kinde,
in mürzzuschlag aß ich mit feri gyulai, der nach mailand zurückkehrt. Am
6. früh waren wir in laibach, dort wünschte ich gyulai eine glückliche reise
und fuhr in einem beständigen regen mit einem gensdarmerieobristleut-
nant voinovich nach triest, wo wir der schlechten straßen und Pferde we-
gen erst um 9 Abends anlangten, ich stieg im hôtel national ab.
hier weht eine ganz andere luft, warm wie im frühjahre. die politische
luft Wiens ist verschwunden, dagegen herrscht hier eine mehr cosmopoli-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien