Seite - 690 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Bild der Seite - 690 -
Text der Seite - 690 -
Tagebücher690
ich mir für später auf, da jetzt noch das Wasser den halben Weg dahin
bedeckt. die allgemeine Physiognomie der stadt, welche mich Anfangs so
sehr frappirte, ist mir nun nicht mehr neu, es bleibt also nur der ekel vor
dem schmutze, sobald man die uzbekieh und die moski verläßt.
ich würde daher gerne schon recht bald meine reise nach oberaegypten
antreten, von der ich mir vielen genuß verspreche. doch habe ich noch
keinen reisegefährten, und dann will ich auch noch vorher die nächste (für
mich seit meiner Abreise die erste) Post aus europa abwarten, welche nicht
vor dem 4.–5. kommenden monats eintrifft. Auf champions empfehlung
habe ich als dragoman mohammed Abdeen genommen und zahle ihm, sehr
theuer, 6 Pfund monatlich.
[kairo] 27. november
ich zahle eben jetzt meinen tribut an das hiesige clima, und zwar in form
einer tüchtigen diarrhöe mit Blutabgang, es ist hier nichts leichter als sich
bey der gegen Abend plötzlich eintretenden feuchtigkeit und nebel zu
verkälten, und dieses scheint auch bey mir die veranlassung gewesen zu
seyn. Übrigens bin ich überhaupt von meiner Krankheit des verflossenen
sommers noch nicht vollkommen hergestellt, was ich mir nicht erklären
kann, denn sie war doch, wenigstens Anfangs, bis die Bauchentzündung
(ich glaube immer durch Wurm’s schuld) dazu kam, eine rein locale und
eigentlich unbedeutende, seitdem aber fühle ich nebst einer fortwährenden
schwäche, namentlich des unterleibes, auch bey der geringsten heftige-
ren Bewegung schmerzen in den knochen, wie bey verrenkungen. ich will
hoffen, daß es bloß rheumatische schmerzen sind, und habe mich daher
endlich entschlossen, flanell zu tragen, wozu hier Alle rathen. vorgestern
Abend hatte ich ein leichtes fieber, dazu kömmt noch, daß ich fast keine
nacht ruhig schlafen kann, indem ich von flöhen etc. gepeinigt werde wie
ein verdammter. leider habe ich wegen meines unwohlseyns eine Parthie
versäumen müssen, welche huber mit einigen andern herren heute nach
den Pyramiden unternommen hat, und von der sie morgen zurückkehren,
ich entschloß mich erst diesen morgen in folge einer recht schlechten nacht
dazu, zu hause zu bleiben.
unter allen diesen umständen wird mir der Aufenthalt in cairo wie na-
türlich sehr verleidet, und ich wollte, ich wäre schon so weit, meine nilreise
antreten zu können, was aber wohl noch 14 tage anstehen dürfte. die weni-
gen merkwürdigkeiten der stadt habe ich gesehen und fange nun an, mich
ein Bißchen zu langweilen, ich habe bisher auch nicht einen interessanten
menschen kennen gelernt, von welchem sich etwas über hiesige Zustände
etc. erfahren oder nur überhaupt eine conversation führen ließe, und wie
mir scheint, sind weder champion noch huber die leute, mich mit solchen
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien