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November 1853
menschen bekannt zu machen, letzterer ebensowenig, obwohl er unläugbar
ein mann von verstand ist, aber mit burschikosen studentenmanieren und,
wie mir vorkömmt, mit aller Welt in Zank und hader. ich werde mir daher
selbst zu helfen suchen müssen.
meine tisch- und hotelsgesellschaft ist fast exclusiv englisch, von der ich
Anfangs nur einen major scott aus madras kannte, ich war daher die ersten
tage stumm wie ein fisch, nach und nach werden wir bekannter, und es
scheinen ganz angenehme leute darunter zu seyn, ein general o’donnell,
ein m. cottrell, ein leutnant Burton aus indien, welcher große reisen im
oriente macht und als Beduine gekleidet erscheint etc., der einzige nicht-
engländer außer mir ist ein hier angestellter mailänder refugié visconti,
welchen ich früher gekannt zu haben mich erinnere, und der ein ganz ange-
nehmer mensch zu seyn scheint, er diente früher bey kress chevauxlegers,
spricht sehr gut deutsch, erinnert sich mit Passion an sein militärleben in
Wien und ungarn und scheint, was man sagt, ein guter kerl zu seyn, der
nicht zum refugié geboren war.
die letzte Post aus constantinopel brachte die nachricht von fortschrit-
ten der türken, welche bereits Bukarest eingenommen haben sollen. ob
es taktik der russen ist, sie zu locken, oder ob gortschakoff wirklich, so
wie man sagt, unfähig und durch schlechte Verpflegung, Krankheiten, Un-
zufriedenheit der Offiziere etc. gezwungen war sich zurückzuziehen, wird
sich bald zeigen. einstweilen erhöht der erfolg wie natürlich den fanatis-
mus der türken, d.h. in den Provinzen, denn in constantinopel selbst und
bey der regierung herrscht die exemplarischeste mäßigung. namentlich
in syrien und kleinasien soll der fanatismus groß und die lage der chri-
sten eine sehr bedrohte seyn, ich werde daher schwerlich im märz oder
April meine rückreise durch jene länder nehmen können. hier ist nichts
zu fürchten. das volk ist hier zu demoralisirt, zu sehr im Zaume gehal-
ten. die leute haben allen saft und kraft verloren, ein Araber Aegyptens
ist ein auf einen Juden gepfropfter italiener, nicht einmal religiöse ideen
wirken hier mehr, bey dem entsetzlichen drucke der regierung freylich
kein Wunder. Abbas Pascha scheint zwar das loos der fellahs (das elen-
deste welches ich kenne) etwas erleichtern zu wollen, er ist ein abgesagter
feind der europäer und ein türke der alten schule, der gerne wieder Alles
auf den alten Fuß zurückführen würde, wenn es der Einfluß der Europäer,
namentlich der englische, erlaubte. letzterer ist hier ohne allen vergleich
der praedominirende, durch handel, capitalien und die route nach indien,
nach den Engländern sind wir die nächsten im Einflusse, sowohl durch un-
seren handel als dadurch, daß oesterreich seit einiger Zeit die vernünftige
Politik angenommen hat, Abbas Pascha gegen die eifersucht der Pforte zu
unterstützen, auf huber soll der Pascha persönlich viel halten, was sich
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien