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Tagebücher694
[kairo] 7. dezember
Am 2., als einem freytage, ritt ich mit major scott und freeman nach Alt-
cairo, um dort die Zikrs der derwische anzusehen, eine höchst merkwürdige
Produktion, welche ich nicht sobald vergessen werde. Wir wurden äußerst
höflich empfangen und vor- und nachher mit Kaffeh und Pfeifen bewirthet.
Scott sprach mit ihnen sehr geläufig persisch und hindustanisch.
denselben tag und die nacht darauf regnete es sehr stark, hier eine
seltenheit, die sich höchstens 5–6 mal im Jahre ereignet, dann ist aber
auch der koth grundlos und dabey außerordentlich glatt, so daß sowohl das
gehen als das reiten sehr mühsam ist.
tags darauf morgens war der feyerliche einzug des mahmeh, welchen
major scott und ich aus dem laden eines krämers ansahen, die ganze
garnison (3 infanterie-, 1 lanciers- und 1 carabiniersregiment) begleitete
den Zug, die soldaten sahen weit besser aus, als ich erwartet hatte, desto
schlechter die Offiziere, die Obersten und Stabsoffiziere sind meistens Bu-
ben von 16 bis 20 Jahren, abgedankte mitglieder des männlichen serails
Abbas Pascha’s.
meine nilreise werde ich in 3–4 tagen antreten und freue mich sehr
darüber. cairo habe ich satt. ich habe ein vollkommen eingerichtetes Boot
eines engländers, mr. Page, gemiethet und habe nun mit dem einkaufen
von Provisionen aller Art zu thun. mr. freeman reist mit mir, und vielleicht
kömmt noch ein anderer reisegefährte dazu, ein junger maltzahn, sohn
meines verstorbenen rosenfarben freundes.
gestern kam Jochmus hier an, er hatte eine äußerst schlechte überfahrt
von Corfù nach Alexandrien gehabt, so daß er anstatt am 2. früh erst am
4. nachmittags nach Alexandrien kam, wie froh bin ich, daß ich mit dem
vorhergehenden dampfboote abreiste! Auch das englische dampfschiff ist
noch immer nicht gekommen. mit Jochmus zugleich kam lord elphinstone,
gouverneur von Bombay, der hier im hause wohnt und von der regierung
mit sehr großer Aufmerksamkeit behandelt wird. die engländer sind in
Aegypten schon fast wie zu hause.
die neuesten nachrichten, welche mir Jochmus aus europa brachte, sind
der rückzug der türken über die donau, zu welchem sie durch die Jahres-
zeit und den regen genöthiget wurden. Beyde theile stehen demnach jetzt
wie vor 6 Wochen, und man glaubt nicht, daß während des Winters irgend
etwas geschehen dürfte, übrigens gehen die negotiationen fort, und ruß-
land hat abermals seine Bereitwilligkeit erklärt.
ich erwarte mit ungeduld Briefe aus europa, bis zur stunde habe ich
noch keine.
ich war in diesen tagen mehrmals in Boulek, um mir die Boote für die
nilreise anzusehen, des Abends war ich ein paarmal bey visconti, welcher
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien