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Dezember 1853
mit Burton etc. zusammen wohnt, und machte dort eine Parthie Whist,
meine gesundheit ist gut, doch leide ich noch immer an Abweichen und
Blähungen.
Alle leute, die die hiesigen Zustände näher kennen, stimmen darin über-
ein, daß die fellahs und überhaupt die niedern und mittleren classen der
Bevölkerung durchaus nicht so arm sind als sie scheinen. das monopol
der regierung ist seit mehemed Alis tode abgeschafft, der handel sowol
mit den landesproducten (korn, leinsaamen, flachs, färbestoffe, indigo,
Baumwolle, Zucker etc.) als mit den Producten des inneren Afrika und
des glücklichen Arabiens freygegeben, was früher ebenfalls monopol war,
der Boden vortrefflich, die Bevölkerung äußerst arbeitsam. Daher haben
sehr viele fellahs große summen geldes, die sie aber aus furcht, geiz und
dummheit vergraben. die untern Beamten, muzirs, nadirs und besonders
die scheikhs der einzelnen dörfer hausen freylich noch ganz willkürlich und
pressen wo sie können. die Bevölkerung des landes nimmt ab. der handel
dagegen soll im Zunehmen seyn. oesterreich spielt dabey eine ziemliche
rolle, etwa die 2. oder 3., könnte aber bey einiger thätigkeit und intelli-
genz der regierung (welche bey uns zwar in Allem und Jedem, hauptsäch-
lich aber in handelspolitischer hinsicht mangelt) eine viel größere spielen.
huber ist ein thätiger und einsichtsvoller mann, der aber mehr diplomat
als handelspolitiker ist.
[kairo] 9. dezember
die Briefe und nachrichten aus europa lauten ziemlich kriegerisch, wir
scheinen immmer mehr in den sack rußlands zu gerathen, und louis na-
poléon droht mit demonstrationen in italien. das ist auch wahrscheinlich
der grund, warum bey uns Papiere und curse sich verschlimmern. das
silber stand zuletzt auf 16 – ! – huber, der ein schwarzenbergianer ist,
schimpft und wüthet, und es ist kein Zweifel, daß, wenn er noch lebte, die
ganze geschichte ein anderes Ansehen gewonnen hätte, es sind jetzt stüm-
per und knaben, welche hin und herzerren. sonst nicht viel neues als der
tod der königinn von Portugal und die endlich zu stande gebrachte fusion
der beyden Branchen der Bourbons, welche in Wien und frohsdorf statt-
fand.1 diese wird auf louis napoléons entschließungen eher einen anspor-
nenden als zurück haltenden Einfluß haben.
1 Ansprüche auf den französischen thron erhoben sowohl henri graf v. chambord, herzog
v. Bordeaux (enkel des 1830 gestürzten könig karl X.) als chef der älteren, „königlichen“
linie des hauses Bourbon, der auf schloss frohsdorf ca. 50 km südlich von Wien lebte,
als auch louis Philippe d’orléans graf v. Paris als enkel des 1848 gestürzten könig louis
Philippe für die linie Bourbon-orléans.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien