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Tagebücher696
ich reise am 12., mit malzahn ist es nichts, der mann ist noch sehr jung
und hat sich von einem schuftigen dragoman bethören lassen. dagegen
hat mir Huber einen Baron Crailsheim, bayerischen Offizier, empfohlen,
welcher übermorgen von Alexandrien kömmt und gerne mit mir reisen
möchte.
ich habe in diesem tage viele Briefe geschrieben, die mit der nächsten
europäischen Post abgehen sollen.
[kairo] 11. dezember
ich reise also morgen, es ist mir ein zweyter reisegefährte zugewachsen,
ein m. fletcher, ein junger ganz well-bred aussehender grasteufel und
lieutenant, ein Bekannter freeman’s, vielleicht kömmt sogar noch ein drit-
ter dazu (wo wir also dann in vieren wären), ein Baron crailsheim, bay-
erischer Artillerieoffizier, wenigstens ist er mir durch Huber angekündigt
und empfohlen, er kömmt heute von Alexandrien hier an, und wenn er mir
gefällt und lust dazu hat, so will ich ihn engagiren, mit mir zu reisen. da
ich ein sehr großes Boot gemiethet habe, so ist Platz im Überfluß.
ich habe in diesen tagen mit Arrangements, einkäufen und Bestellun-
gen aller Art, Aufnahme eines Bedienten und eines koches etc. sehr viel
zu thun gehabt, wie wäre es erst gewesen, wenn ich ein uneingerichtetes
schiff genommen hätte. huber und champion haben mir empfehlungen an
die österreichischen Agenten in siut, kenneh und Assuan mitgegeben, und
ich bin neugierig zu sehen, wie so ein österreichischer repraesentant aus-
sieht. das sind lauter schöpfungen hubers, dessen eifer, sich auszubrei-
ten und den österreichischen Einfluß und Nahmen zu vergrößern, wirklich
ausgezeichnet ist, so hat er mir und Jochmus neulich die originalien von
handelsconventionen gezeigt, die der leider zu früh verstorbene viceconsul
reitz in chartum mit den Abyssinischen fürsten abgeschlossen hat, vom
7. märz dieses Jahres, wodurch unter andern sämmtliche Abyssinier in su-
dan etc. unter oesterreichs schutz gestellt werden. huber spricht mit en-
thusiasmus und tiefer trauer von reitz, und er selbst ist ein mann, der di-
plomatisch seinen Posten vollkommen ausfüllt. natürlich wird er wie jeder
thätige, strebsame mensch bey uns von der Beamtenclique nicht nur nicht
unterstützt, sondern beynahe verfolgt, namentlich beklagt er sich über das
handelsministerium, den referenten Blumfeld an der spitze, welches aus
lauter beschränkten Bureaukraten zusammengesetzt ist. Zum glücke ist
jetzt durch den Einfluß Bruck’s Manches zu erreichen, obwol auch dieser
durchaus nicht Alles durchzusetzen vermag, was er anstrebt und was von
evidentem nutzen wäre, z.B. eine mission nach Persien.
neues gibt es nicht, das Wetter ist sehr schön, wenn auch für hier etwas
kühl, das minimum war bisher am morgen 11–12° r! Am tage steigt dann
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien