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Dezember 1853
Wir haben übrigens noch immer mit vollkommener Windstille zu kämp-
fen, bloß gestern nachmittag und einen theil der nacht hindurch wehte
ein ziemlich starker nordwind, so daß wir segel aufspannen konnten, ich
fürchte übrigens, daß unser Boot überhaupt etwas schwerfällig und ein
schlechter segler sey, es ist erstaunlich, wie unverdrossen unsere leute
arbeiten (freylich sind sie by the trip und nicht monatweise gezahlt), dabey
sind sie immer des besten humors, singen und scherzen, und um sich anzu-
feuern stimmen sie zuweilen eine Art litaney an: gott ist mit uns, rudern
wir in gottesnahmen etc.
es ist fortwährend das schönste Wetter von der Welt, ein himmel, wie
man ihn bey uns nie sieht, besonders schön sind die sonnenuntergänge und
die herrlichen lebhaften farben, welche sich da zeigen. ich bin gewöhnlich
schon zu Sonnenaufgang (welcher hier zu Lande jetzt gegen 1/2 7 stattfindet)
auf dem verdecke, es ist da meistens ziemlich kalt, bis 6° r., ein paar stun-
den später dagegen 20°, heute sogar 22° r., eine hitze, bey der man es auf
dem verdecke kaum aushalten kann. trotz dieses enormen Wechsels halte
ich das Clima für sehr gesund und befinde mich besser als seit langer Zeit.
Bisher hat es nicht gerade sehr viel zu schießen gegeben, nur gestern sa-
hen wir einige stunden lang eine menge Wasservögel, reiher, ibis, gänse
etc. aller Art und auch viele Pelikane. heute schoß fletcher einen ichneu-
mon. gestern begegneten wir einem sklavenschiffe aus dem sennaar, über-
haupt ist der nil mit kleinen und größeren Booten aller Art ziemlich belebt,
einige regierungsdampfschiffe, welche Pascha’s oder andere Beamte füh-
ren, haben wir auch begegnet, aber erst einem einzigen Boote mit europä-
ischen reisenden.
Wir machen unter diesen umständen unglaublich langsame fortschritte,
in diesem Augenblicke, 2 uhr nachmittags am siebenten tage unserer
reise, sind wir vor Benisuef, 77 englische meilen von cairo, bis Wadihalfa
aber sind gegen 900 meilen! übrigens habe ich in dieser Zeit noch nicht
einen Augenblick lange Weile gehabt.
Wir frühstücken täglich um 9 uhr früh thee und 1 oder 2 warme speisen
und essen nach sonnenuntergang. die Abende sind dann allerdings etwas
lang, besonders da ich aus Besorgniß für meine Augen nicht zu viel lesen
will, zuweilen helfen wir uns mit schach, domino oder Whist, um 10 gehe
ich in mein Zimmer und bald darauf zu Bette.
Die Gegend ist immer dieselbe, flach, die Wüste reicht besonders am
östlichen ufer manchmal bis an den fluß, dieser ist breit und seicht, voll
sandbänke und starker strömungen, so daß die schifffahrt bedeutende
schwierigkeiten hat und wir jeden Augenblick auffahren, stecken bleiben,
ans andere ufer übersetzen müssen etc., was Alles natürlich vielen Aufent-
halt verursacht.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien