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der sklavenfang in sennaar, kordofan etc. wird jetzt nicht mehr wie frü-
her durch die truppen der ägyptischen regierung selbst betrieben (jedoch
erst seit ein paar Jahren), sondern der Privatindustrie der sclavenhändler
überlassen, welche größtentheils von chartum aus dieses höchst einträgli-
che geschäft betreiben.
die todesstrafe, deren Bewilligung an Abbas Pascha vor einigen Jah-
ren beynahe eine europäische frage wurde (und welche er hauptsächlich
oesterreich verdankt), wird von ihm nie oder beynahe nie ausgeübt. die
verurtheilten werden anstatt dessen nach den goldminen im fazoglou ge-
bracht, wo ihr loos übrigens ein fürchterliches seyn soll.
Abyssinien besitzt 3 climate, ihre vegetation und Produkte: das tropi-
sche, dann in den höher gelegenen gegenden Weizen, endlich in den gebir-
gen eine vollkommene Alpenwirthschaft, das land soll ein herrliches seyn,
die schneeregion fängt dort bey 9–10.000 fuß an.
[am nil zwischen minieh und monfalut] 22. dezember
seit Benisouef haben wir beynahe fortwährend einen scharfen nordost-
wind gehabt, daher wir seit 48 stunden einen sehr bedeutenden Weg
zurücklegten und mit Ausnahme einiger stunden in der nacht tag und
nacht segeln.
gestern um mittag waren wir in Abugirgeh oder vielmehr wir fuhren
daran vorbey, 3 stunden später hielten wir vor einem dorfe golosaneh ge-
nannt, um verschiedenes für die küche einzukaufen, dort war eine Art von
markt und eben auch ein Bey oder gouverneur anwesend. Wir gingen da
etwas spatzieren (das einzige mahl, daß wir gestern ans land kamen) und
sahen ein sklavenschiff im hafen und eine menge weiblicher sklaven am
ufer, kochen etc. diese Wesen sehen mehr thieren als menschen ähnlich.
von sonstigen Allotrien sahen wir eine Art grüner Paradiesvögel und ein
schwarzbraunes freudenmädchen, welches mit golddukaten reich behängt
auf uns Jagd zu machen schien.
nachmittags kamen wir an einem griechischen kloster sitteh vorüber
und wurden von schwimmenden copten angebettelt, überhaupt nimmt
die coptische Bevölkerung gegen süden zu, im ganzen sollen deren etwa
800.000 in Aegypten seyn, die gesammtbevölkerung beträgt 2 1/2 millio-
nen, sagt man, denn niemand weiß etwas Bestimmtes hierüber.
hier nimmt die gegend einen anderen, mehr wilden character an, indem
die gebirge am östlichen ufer, welche seit cairo immer in einer entfernung
von etlichen meilen mit dem nil parallell [sic] laufen, nun hart an densel-
ben herankommen, nackt, kahl und roth, wie der sand der Wüste, welcher
sie sonst von den ufern des flusses trennt. doch dauert dieses nur kurze
Zeit, und heute früh befanden und befinden wir uns wieder in der weiten
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien