Seite - 705 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Bild der Seite - 705 -
Text der Seite - 705 -
70524.
Dezember 1853
da.1 heute früh war ich überrascht, einen dichten europäischen nebel rund
um mich her zu sehen, wir liegen daher seit mitternacht vor monfalut, und
der reis ist sammt einigen leuten ans land gegangen, um Provisionen zu
machen.
es ist merkwürdig, wie vertraut hierzulande die thiere mit den men-
schen sind, ich habe noch kein böses Pferd, keinen bösen esel oder hund
gesehen, und bey shepherd2 sowie hier auf dem Boote fliegen uns Vögel
beständig in die Zimmer und bleiben ganz ruhig stundenlang um uns.
europa liegt nicht nur geographisch weit von mir, auch die europäischen
ideen und verhältnisse sind hier wie vergessen, es ist Alles so ganz anders
als bey uns, man sieht und hört so gar nichts, was an europa erinnert, daß
man zu nichts Anderem angeregt wird als zur ruhe und vergessenheit.
das ist ein großes labsaal des orientalischen lebens, es erholt den ermat-
teten geist, kühlt die leidenschaft und rüstet einen mit einem fond von
ruhe und gleichmuth aus, wenn man die heimath wieder betritt, zugleich
erweitert es den horizont und lehrt manche dinge von einem anderen
standpunkte aus beurtheilen. vieles was uns zuhause wichtig erscheint,
verschwindet hier, und so umgekehrt. niemand ist mehr in der lage dieses
zu empfinden, als ein Oesterreicher in jetziger Zeit. Oesterreich hat jetzt
die Aufgabe und arbeitet bewußt oder unbewußt daran, ein staat zu wer-
den, d.h. den übergang von einem Patrimonium eines halbfremden fürsten
(des deutschen kaisers) zu einem geschlossenen staate zu machen. es wäre
seine Aufgabe gewesen, dieses gleich nach dem großen Wendepunkte von
1804 und 1806 zu thun, und wir müssen jetzt in schmerzen nachholen,
was die jämmerlichen menschen, die bis 1848 am Brette waren, versäumt
haben. dieses ist die hauptsache, Alles Andere nebensache.
[am nil zwischen monfalut und siut] 24. dezember christabend
gestern hatten wir in monfalut ein Beyspiel türkischer Justiz. es waren
nämlich einem unserer schiffsleute von einem seiner cameraden nach sei-
ner Aussage 8 thaler (etwa 200 Piaster) gestohlen worden, und dieses war
die ursache, weßhalb der reis gestern morgens mit der ganzen mannschaft
ans land ging, um die sache vor die Behörde zu bringen. eine Zeit lang
war ich mit dem koche ganz allein an Bord. später ging ich mit dem dra-
goman aus, mir die stadt anzusehen, ein mittelding zwischen einem dorfe
und einer schmutzigen stadt, wir kauften in einem koptischen hause et-
was Honig, hier, wie überhaupt überall, fanden wir die Leute sehr höflich
und dienstfertig. Als ich bey meiner rückkehr an Bord noch niemanden
1 üblicherweise Abulfeda (Abd el fida) (1273–1331).
2 das shepherd hotel in kairo, vgl. eintrag v. 22.11.1853.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien