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Tagebücher706
unserer leute fand, schickte ich den dragoman zur Behörde, um die sa-
che zu ende zu bringen, und nach einer halben stunde kam die Behörde
selbst in gestalt eines capitano, eines ziemlich gut aussehenden intelligen-
ten, höflichen Türken, der, wie er mir sagte, aus Rhodus gebürtig war. Die
Functionäre, Offiziere etc. sind nämlich hier zu Lande sämmtlich Türken.
ich erfuhr nun den ganzen hergang. vier mann, auf welche der reis ver-
dacht hatte, waren summarisch, jeder mit 50 streichen, geprügelt und auf
der stelle entlassen worden, die übrigen hatte er, wie er mich versicherte,
ebenfalls prügeln lassen, damit sie in Zukunft recht aufmerksam und flei-
ßig seyen (niemand hatte sich über sie beschwert, und es wäre auch nicht
der geringste grund dazu vorhanden gewesen), zugleich wurden diese, die
Zurückbleibenden, verurtheilt, dem Bestohlenen sein geld in solidum zu
ersetzen, wenn er bey seiner rückkunft nach cairo beweisen könne, daß
er das geld wirklich gehabt habe, daher der diebstahl keine erdichtung
sey. diesen letzteren Punkt hatte man bisher gar nicht eruirt, und erst ich
machte den Capitano darauf aufmerksam. Ich empfing den Mann ganz fey-
erlich, mit tchibouk und caffeh, und er schien sehr erfreut und geschmei-
chelt.
endlich kamen wir zur Abreise. doch war es mittlerweile 5 uhr gewor-
den, die abgegangenen 4 mann werden wir heute in siut ersetzen, wir hat-
ten wenig, doch günstigen Wind, so daß wir zwar segelten, aber ziemlich
langsam vorwärts kamen, des nachts wurde angelegt. natürlicherweise
lagert jetzt noch eine Wolke über unserer einst so fröhlichen, geprügelten
equipage, die sich aber bald zerstreuen wird, mir ist die ganze geschichte
unangenehm und fordert uns zur Wachsamkeit auf, umsomehr als, wie
man mir sagt, die Bevölkerung von oberaegypten, wohin wir nun kommen,
ziemlich diebischer und überhaupt verdächtiger natur ist.
heute haben wir wenig Wind, es wird daher abwechselnd gesegelt und
gezogen.
ich habe dem reis verbothen, künftighin aus was immer für eine ur-
sache ohne meine vorläufige Erlaubniß an Land zu gehen, hätte ich die
gestrige geschichte bey Zeiten erfahren, so hätte ich ihr wahrscheinlich
ein vernünftigeres ende gegeben als die türkische Behörde. übrigens ist
kein Zweifel, und zeigte sich auch dießmal, daß diese leute hier (das volk
nämlich) keine spur von rechtsgefühl haben, die schläge wirken auf sie
nur durch den physischen schmerz.
[am nil zwischen siut und ekhmim] 26. dezember
vorgestern übernachteten wir ziemlich nahe an siut und kamen gestern
früh gegen 9 uhr vor dieser stadt an, sie ist die bedeutendste in oberaegyp-
ten, die hauptstadt davon (hier said genannt) und der sitz des gouver-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien