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Dezember 1853
neurs, welcher ein Pascha ist, sie zählt an 20.000 einwohner. die caravane
nach und von darfur mündet hier aus, sie geht jährlich einmal und bringt
aus jenem lande sklaven, elephantenzähne, straußfedern, tamarinden
etc. das land hat einen könig und ist für fremde, inclusive der Aegyptier,
streng abgeschlossen, sonst ging die caravane nach dongola und von dort
den nil herab bis cairo, aus furcht vor der habsucht mehemed Ali’s, und
um nicht das schicksal der sennaar zu theilen,1 nimmt sie jetzt den kür-
zeren Weg nach siut durch die Wüste. unser verstorbener viceconsul in
chartum, reitz, war der erste, welcher einige verbindungen mit darfur an-
geknüpft hatte, hauptsächlich dadurch, daß er die schwester des königes
auf ihrer Pilgerreise nach mekka auf der hin- und herreise bewohnte und
bewirthete. die einwohner sind nämlich mahometaner.
unser reis wollte in siut Brod für die mannschaft backen (welches in
den gemeindebacköfen geschieht) und zugleich 4 neue ruderer anwerben,
wir blieben daher den ganzen tag in siut. nach 10 uhr ritten wir sammt
dem dragoman nach der stadt und zuerst zur Wohnung des österreichi-
schen Agenten oder viceconsul naus, eines ziemlich wohlhabenden grie-
chen, dessen vater ursprünglich mehemed Ali’s dragoman gewesen war
und später von champion zum österreichischen Agenten in siut bestellt
worden war. Als ich in das haus trat, hörten wir Weibergeheul und erfuh-
ren, die ursache davon sey der vor beynahe 2 Jahren erfolgte tod das alten
herrn, nämlich eben jenes ehemaligen dragomans! nach einiger Zeit kam
die Witwe, eine intelligente und recht angenehm aussehende frau im mitt-
leren Jahren, sie empfing uns sehr höflich, sagte uns, ihr Sohn sey eben auf
einige tage abwesend, nöthigte uns, in einer ebenerdigen kammer, wel-
che den salon vorstellte, Platz zu nehmen und den unvermeidlichen caffeh
zu einzunehmen [sic], sie war sehr gesprächig und erzählte uns (natürlich
durch den dragoman) eine menge details über ihre familie etc., sie ist aus
syrien gebürtig, eine griechische christinn, sie bedauerte sehr, mich so un-
vollkommen bewirthen zu können, da wegen des todes ihres mannes alle
kleider, kostbarkeiten etc. versperrt wären, sonderbarer gebrauch. Wir
hatten eine sehr lebhafte conversation von mehr als einer halben stunde
mit ihr, während welcher mohammed vollauf zu thun hatte, um ihren re-
defluß zu übersetzen.
von da ritten wir zur stadt hinaus zu den etwa eine kleine halbe stunde
entfernten grotten, d.h. egyptischen gräbern in den hinter siut liegenden
Bergen. Weit und breit nichts als schutt, knochen, mumienreste etc. Wir
sahen uns einige der größeren grotten an, unter andern den sogenannten
stabl Antar, soweit das Auge reichte, liegen tausende solche grotten in
1 das gebiet zwischen weißem und blauem nil war 1821 zur ägyptischen Provinz geworden.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien