Seite - 132 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
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unterbrochen durch Gastspiele und Tourneen in immer neuen Ländern und Kon-
tinenten. Wie weiter oben beschrieben, stand die geografische Mobilität in engem
Zusammenhang mit zunehmender Popularität und künstlerischer Bedeutung: Wur-
den die ersten Engagements noch als Verharren an einem Ort beschrieben, folgten im
späteren chronologischen Verlauf immer mehr Auftritte an immer mehr Orten auf-
einander, bis Lehmann am Ende selbst feststellte: „Aber ich mag mich an keine Oper
mehr dauernd binden.“ 100 Lehmanns Aufstieg wurde auch von ihr selbst konstatiert,
nicht nur im Titel ihrer Erzählung. So war für sie ein Auftritt am Hamburger Stadt-
theater „der eigentliche Beginn meines Aufstiegs“ 101, etwas später beschrieb sie sich als
„an der Pforte internationaler Geltung“ 102 stehend. Diese explizite Thematisierung der
eigenen Bedeutung stellte einen Einsatz dar, der für die erfolgreiche Positionierung als
KünstlerIn wirksam werden konnte
– allerdings nur, wenn neben der bloßen Behaup-
tung des Erfolgs auch andere Kriterien für diesen vorlagen, wie die Zugehörigkeit zu
einer renommierten Organisation oder die positive Erwähnung durch KritikerInnen.
Der Aufstieg Lehmanns wurde als von ihrer künstlerischen Entwicklung begleitet
beschrieben. Deren Zentralität war bereits in der stetigen Suche nach der richtigen,
für sie passenden, Ausbildung zu sehen. Lehmann wurde in die Berliner Hochschule
für Musik aufgenommen, wechselte jedoch (trotz anfänglich großer Freude über die
Aufnahme und die Gewährung einer Freistelle) nach einiger Zeit auf eine private
Gesangsschule, die sie wegen „mangelndem Eifer“ verlassen musste. Schließlich nahm
sie Privatunterricht bei einer ehemals berühmten Sängerin. Stand der Eintritt in die
Hochschule stellvertretend für den Beginn einer „ernsthaften“ Beschäftigung mit
dem Musizieren,103 so wurden die darauf folgenden Ausbildungen als Suche nach
der für ihre individuellen Talente und Fähigkeiten passenden Art des Unterrichts
und der Förderung charakterisiert:
Aber die Entwicklung meiner Stimme […] hielt nicht Schritt mit meinen Träumen. Ich
fühlte, daß ich nicht auf dem richtigen Wege war 104
Trotz diesem Erfolg fühlte ich mich nicht recht wohl bei meiner Gesangsmethode.
[…]
Ich fühlte mich immer wie in Fesseln und Banden, das Singen wurde mir schwer – und
ich empfand die Führung der Stimme stets so gegen mein natürliches Gefühl gehend, daß
ich mir Gewalt antun mußte, zu singen, wie ich singen sollte.105
100 Lehmann, Anfang, 235.
101 Ebd., 119.
102 Ebd., 163.
103 Ebd., 48 ff.
104 Ebd., 62.
105 Ebd., 69.
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Buch Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938"
Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur