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Erfüllung meines Jugendtraumes stand unmittelbar bevor. […] Ich hatte meine Feuer-
probe glänzend bestanden und konnte einen wirklich großen und ehrlichen Erfolg feiern.“ 28
Musizieren als Kunst wurde in der Zwischenkriegszeit oftmals mit Ernsthaftig-
keit verbunden. Die Entstehung einer sich selbst als autonom verstehenden Kunst,
deren alleiniger Maßstab die Kunst selbst wäre, stand in Zusammenhang mit einem
Verständnis von Kunst als Ersatzreligion. Kunst – von den Ansprüchen der Funk-
tionalität für soziale Ereignisse offiziell enthoben – sollte selbst beurteilen, welche
Leistungen und Fähigkeiten als künstlerisch zu gelten hätten
– und diesen Beurtei-
lungen wurde große Bedeutung zugemessen.29 Die Verbindungen zwischen Ernst-
haftigkeit und Kunst wurden etwa im obigen Zitat von der „ernsten künstlerischen
Arbeit“ angesprochen, gänzlich offensichtlich wurden sie in der Unterscheidung
von ernster (und daher künstlerisch wertvoller) Musik und Unterhaltungsmusik, die
bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine zentrale Rolle bei der Beurteilung von
Musik und MusikerInnen einnahm.30
Wenn auch die Bezeichnung des ernsthaften Studiums nicht unmittelbar die for-
mell als Studium bezeichnete Ausbildung an Akademie oder Hochschule meinte, so
spielte diese Form des Erlernens des Musizierens doch eine wichtige Rolle für diese
Referenz. Ernsthaft Studierende besuchten oftmals ein Konservatorium oder eine
Akademie für Musik und bezeichneten ihre Ausbildung selbst als Studium. Vor allem
zwei Aspekte dieser Ausbildung waren es, die sie stärker auf das ernsthafte Studium
bezogen als etwa den Privatunterricht bei Berühmtheiten (der ja im Bereich des
künstlerischen Musizierens, wie bereits beschrieben, ebenfalls eine große Rolle spielte).
Zum einen hatte für das ernsthafte Studium die weiter oben beschriebene direkte
‚Übergabe‘ der Künstlerweihen von dem/der Lehrenden an den/die SchülerIn keine
zentrale Bedeutung. Das ernsthafte Studium zielte vor allem auf den Nachweis ab,
dass die Beschäftigung mit der Musik mit dem nötigen Eifer und der nötigen Nähe
zur Musik vor sich ging. Bewertungen etwa der breiten Masse, ob man nun aufgrund
der Ausbildung bei einer Berühmtheit auch selbst als Künstler zu werten sei, waren
dafür zweitrangig. Pierre Bourdieu bezeichnet diese unterschiedlichen Kriterien von
Erfolg für das Feld der Literatur als externe bzw. interne Hierarchisierung:
28 Weiss/Leopoldi (Hg.), Café, 23.
29 Vgl. dazu Hanns-
Werner Heister, Konzertwesen, 688: „Das Konzertwesen bildete eine reale
Grundlage
[…] auch für fiktive Verhimmelungen wie den romantisch- literarischen Entwurf
einer ‚absoluten‘ Musik, daran sich anschließende ‚Kunstreligion‘ und schließlich auch die
bohemehaft- antibürgerliche Parole des L’art pour l’art“.
30 Linke, Materialien, 121 ff.; Giesbrecht- Schutte, 114 f.; Currid, Acoustics, 119 ff. Die heute noch
gängige offizielle Unterscheidung in E- und U-Musik tauchte erstmals 1934 in Veröffent-
lichungen des damaligen deutschen Rundfunks auf (Linke, Materialien, 123).
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Durch Musik ein Fortkommen
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur