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einzige gesunde Unterhaltung.“ 133 Es handelte sich also nicht nur um einen „not-
leidenden Gelegenheitsmusiker“, der sich eine „Zubuße“ zum kärglichen Gehalt
erspielte, sondern eben auch um einen Musizierenden aus Freude am Musizieren.
Wie etwa die Alpenländische Musiker- Zeitung schrieb: „unsere Freude ist es, die
edle Kunst zu pflegen und die sorgenvollen Tage unserer Zeit
[…] aufzuheitern.“ 134
Diese Selbstunterhaltung stand für die Orientierung des Gelegenheitsmusizierens,
aber nicht im Gegensatz zum Geldverdienen durch Musik
– ganz im Gegensatz etwa
zu den Positionen der ernsthaft Studierenden und der Der-
Musik- treu- Bleibenden,
die privates und entgeltliches Musizieren streng voneinander trennten. So konnte
das oben erwähnte Musizieren, bei dem man sich „prächtig unterhielt“, auch durch
Naturalien entgolten werden. Überhaupt wurden die Entgelte, die Gierer durch sein
Musizieren verdiente, spontan ausgehandelt und nicht vertraglich abgesichert. Dafür
standen u. a. die Orte Gasthaus und privates Wohnhaus, an denen musiziert wurde.
So berichtete Gierer über einen Auftritt in einem Gasthaus auf Wanderschaft: „Der
Postenkommandant erschien und bat uns, mit ihm zu kommen, denn im Gasthaus
fände eine Hochzeit statt. Wir gingen mit, spielten dort, erhielten genügend zu
essen und zu trinken.“ 135 Oder auch:
Wir marschierten bis an den Rand der Stadt und blieben dort in einem kleinen, einfachen
Gasthaus. Als wir unser Beuschel gegessen hatten, sprach uns ein Mann an: ‚Ihr habt doch
Instrumente mit, wollt ihr nicht ein bisserl was spielen?‘ Daraufhin spielten und sangen
wir und hatten Applaus und bekamen zu trinken und nochmals zu essen; zum Schluß
erklärte uns der Wirt, daß wir kostenlos über Nacht bleiben könnten.136
Franz Gierer verstand sich als Gelegenheitsmusiker. In seiner Erzählung nahm er
–
wie viele, die über ihr Musizieren erzählten – nicht explizit auf andere, legitimere
Orientierungen Bezug. Er erzählte daher sein Tätigsein nicht als Mangel etwa
gegenüber dem populären Erfolg durch Musik oder dem ernsthaften Studium, son-
dern als eine eigene Form des Musizierens
– eben als Gelegenheitsmusizieren. Dass
er andere Tätigkeiten dem Musizieren gegenüber (zumindest quantitativ) in den
Vordergrund stellte, war nicht Zufall, sondern maßgeblich für diese Orientierung.
133 Ebd.
134 Alpenländische Musiker- Zeitung (1931), Nr. 4, 47.
135 Gierer/Annerl- Gierer (Hg.), Franz Gierer, 27.
136 Ebd., 25.
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur