Seite - 228 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
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Kunst als gegeben voraussetzen konnten, und Druckwerken der Nichtberufsmusiker,
in denen das Musizieren als Gelegenheit beständig propagiert und gegen Angriffe
verteidigt werden musste. Wenn auch Legitimität nicht auf ökonomische und recht-
liche Verhältnisse reduzierbar ist, so zeigen sich die Unterschiede zwischen legitimen
und weniger legitimen Orientierungen oftmals in diesen. Das ernsthafte Studium
–
oftmals als Idealtypus des Musizierens „an sich“ verstanden
– wurde durch die staat-
liche Kunstförderung oder den staatlichen Betrieb von Konservatorien gefördert.
Dazu kamen rechtliche Besserstellungen der Musizierenden etwa durch Pensions-
gesetze, das Gesetz über den Bühnendienstvertrag und das Inlandarbeiterschutz-
gesetz (siehe Kapitel 5). Gelegenheitsmusizieren stellte hingegen eine Orientierung
dar, die je nach Einsatz höchst unterschiedlich behandelt wurde. Als gelegentliches
Bettel- oder Straßenmusizieren wurde es streng geregelt und immer wieder an seiner
Abschaffung gearbeitet. Als Vereinsmusizieren blieb es bis zur Musikerverordnung
weitgehend ungeregelt, wenn auch lokale Behörden (wie Bürger meister) durchaus
in enger Beziehung dazu standen und die Notwendigkeit örtlicher Vereine vertei-
digten. Ungeachtet dieser Unterschiede im Umgang des Staates mit den verschie-
denen Orientierungen des Musizierens wurde beinahe jede Form des Musizierens
auch zum Zwecke der Legitimation der österreichischen Nation bzw. verschiedener
politischer Strömungen genutzt. Das Spektrum reicht hier von der Begründung
des „Musiklandes Österreich“ anhand von KomponistInnen und MusikerInnen der
Kunstmusik über die Nutzung der Popularität zeitgenössischer Stars durch Politi-
kerInnen bis hin zur Demonstration von Volksverbundenheit durch die Förderung
von und Teilnahme an Volksmusikfesten und die Prämierung von Kompositionen,
die das eigene politische Wirken feierten.2
Die Ergebnisse des systematischen Vergleichs lebensgeschichtlicher Erzählungen
wurden bis hierher vor allem als Zustände, weniger als Entwicklungen dargestellt.
Dies hat verschiedene Gründe. Bevor eine Entwicklung im Zeitablauf dargestellt
werden kann, ist es notwendig, bestimmte Gegebenheiten
– zumindest die Anfangs-
und Endpunkte der Entwicklung – zu kennen. Für das Musizieren in Österreich
zu Beginn des 20. Jahrhunderts fehlten bislang Untersuchungen, die ein breites
Spektrum von Formen, Musizieren als Arbeit oder Unterhalt zu betreiben, zuein-
ander in Beziehung setzen. Daher war es vorrangig, zuerst einmal die Beziehungen
der Musizierformen untereinander darzustellen. Da als Beobachtungseinheiten
des systematischen Vergleichs lebensgeschichtliche Erzählungen als Ganzes ver-
wendet wurden, waren zeitliche Entwicklungen – auch wenn sie nicht vollständig
2 Vgl. etwa Mayer- Hirzberger, Volk; Flotzinger, Musik; Ders., Idealisierte Musik; Prieberg,
Musik.
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Musizieren als Frage von Legitimität und
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur