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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren - Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
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240 Mario Döberl fristig gesichert. Noch am Nachmittag desselben Tages wurde der kleine Prinz getauft. Für jene Jahre lässt sich für den Kaiserhof erstmals die Verwendung eines Tragsessels im Rah- men des Taufzeremoniells nachweisen. Es ist jedoch trotz einer anderslautenden Mitteilung eher unwahrscheinlich, dass ein solcher bereits bei der Taufe Ferdinands IV. zum Einsatz kam. Sacchetti berichtete, dass Gräfin Siruela, die Obersthofmeisterin der Königin, in de- ren Tragsessel in den großen Saal der Wiener Hofburg, in dem die Zeremonie stattfand, getragen worden sei und dass die Gräfin dabei das Neugeborene im Arm gehalten habe.114 Franz Christoph Khevenhüller schreibt hingegen, dass das Kind damals in einem mit Perlen bestickten „Fäsch-Bett“115 von Graf Thun, dem Obersthofmeister des Kindsvaters, zur Taufe gebracht worden sei. Dieses „Fäsch-Bett“ sei aber so schwer gewesen, dass auch der Oberst- hofmeister der Königin, Franz Christoph von Khevenhüller, und der Oberststallmeister des Königs, Maximilian von Waldstein, mit anpacken mussten, um das Kind sicher zum Ort der Taufe zu bringen.116 In diesem Fall können wir der Version Khevenhüllers wohl größeres Vertrauen schenken als jener Sacchettis, da Khevenhüller nach eigenen Angaben selbst das Bettchen tragen half, während aus Sacchettis Schreiben nicht einmal hervorgeht, ob er selbst Augenzeuge der Taufe war oder nur aus zweiter Hand vom Ablauf der Zeremonie erfahren hatte. Vermutlich kam bei der Taufe Ferdinands IV. also kein Tragsessel zum Einsatz. Interes- sant ist dabei jedoch, dass es für Sacchetti – möglicherweise aufgrund von Erfahrungen, die er an anderen Höfen gemacht hatte – offenbar gar nicht denkbar war, dass bei diesem Anlass ein anderes Tragevehikel als ein Tragsessel zu Einsatz gekommen sein könnte. Als Maria Anna 1634 erneut in anderen Umständen war, beschloss sie im Sommer trotz hoher Temperaturen und ihres bereits fortgeschrittenen Schwangerschaftsstadiums, von Wien nach Passau zu reisen, um dort ihren jüngeren Bruder, den Kardinalinfanten Fer- dinand, zu treffen. Mit großem Gefolge brach sie am 14. Juli per Schiff von Wien auf. In Klosterneuburg, der ersten Station der flussaufwärts führenden Reise, ließ sich die Königin 114 Doppo questo le mm[aes]tà, et alt[ezz]e calorno nella gran sala venendo imediatam[en]te dietro all’im- p[erato]re et imp[eratri]ce la sedia stessa della regina, nella quale era la contessa di Ziruola sua mai- ordoma mag[gio]re, che portava la creatura, et avanti in test’alla sala, dove eretto un altare, fu tenuta al sacrofonte dall imp[erato]re, et imp[eratri]ce, in nome del re, et regina catt[oli]ci, et battezzata dal cardinale Dietristain col nome di Ferdinando Francesco; […].” Toskanischer Botschafter Niccolò Sacchetti, Wien 1633 September 20, ASF, MdP, filza 4388, unfol. Keine Einzelheiten zur Taufzere- monie erfahren wir aus den Berichten des päpstlichen Nuntius und des venezianischen Gesandten am Kaiserhof. Vgl. Nuntiaturberichte aus Deutschland nebst ergänzenden Aktenstücken, 4. Abt.: Siebzehntes Jahrhundert, Bd. 6: Rotraut Becker (Bearb.), Nuntiatur des Ciriaco Rocci. Ausser- ordentliche Nuntiatur des Girolamo Grimaldi. Sendung des P. Alessandro d’Ales (1633–1634) (Ber- lin/Boston 2016), S. 153; ÖStA, HHStA, Venedig, DdG, Bd. 77. 115 Khevenhüller 1721–1726 (wie Anm. 61), Bd. 11, Sp. 496. Unter einem „Fäsch-Bett“ ist vermutlich ein Bett für ein Neugeborenes zu verstehen, das in Binden (Faschen) eingewickelt war. 116 Ebenda. Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
Titel
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Untertitel
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
Autor
Mario Döberl
Herausgeber
Alejandro López Álvarez
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20966-9
Abmessungen
17.5 x 24.7 cm
Seiten
432
Kategorien
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