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SCHLUSS442
zu verstehen sei, gab es unterschiedliche Vorstellungen. Die Diskussionen
um den katholischen Charakter der Universität zeigten, dass es jedoch eher
diffuse Vorstellungen von einer katholischen Wissenschaft gab, die sich
hauptsächlich in Abgrenzung zum Protestantismus und den Universitäten
in protestantischen Gebieten Deutschlands definierte. Für Thun bedeutete
dies etwa eine Lehre, die sich an den Dogmen der Kirche orientierte und
nichts Entgegengesetztes verbreitete. Allerdings glaubte er, dass nur eine
staatliche Anstalt und nicht eine kirchliche Universität der mittlerweile
enorm differenzierten Wissenschaft genügen könne.39 George Phillips,
Ultramontaner und Berater Thuns, näherte sich der Bestimmung von den
Aufgaben einer katholischen Wissenschaft über die Abgrenzung von einer
„auf dem Boden des Protestantismus erwachsenen Behandlungsweise“40
der Wissenschaften, wobei er besonders David Friedrich Strauß’ Forschun-
gen zur historischen Person Jesus von Nazareth und dessen Nachfolgern
im Blick hatte.41 Vor allem sah er im Rationalismus und einer Abkehr
von historischer Überlieferung und göttlichem Ursprung der Menschheit
sowie deren prägenden Institutionen den zentralen Fehler der protestan-
tischen Wissenschaften und forderte für die katholischen Wissenschaftler
eben eine bewusste Abgrenzung von diesen Tendenzen. Andere Gelehrte,
wie der Bayer Jakob Frohschammer, dessen Ansichten in Tirol zum Bei-
spiel von Tobias Wildauer rezipiert wurden, waren deutlich liberaler und
forderten eine Unabhängigkeit von den Dogmen und der päpstlichen Auto-
rität bei gleichzeitigem Bekenntnis zur katholischen Religion. Die Debatte
hinsichtlich der Innsbrucker Universität orientierte sich jedoch deutlich an
den strengeren Vorstellungen ultramontaner Kreise, auch die Übertragung
der theologischen Fakultät an die Jesuiten und deren Orientierung an einer
neuscholastischen Theologie und deren strenge Romtreue verdeutlichen das.
Die Jesuiten selbst hatten mit der ratio studiorum ein klares katholisches
Bildungsprogramm, das sie mit Thuns Förderung in den 1850er-Jahren in
aktualisierter und angepasster Form auch in Österreich wieder lehren konn-
ten.
Die Debatte zur Gründung einer katholischen Universität in Tirol ver-
deutlicht überdies das Mobilisierungspotential der Kirche und der erstar-
kenden katholischen Laiengruppen, die sich massiv für die Errichtung einer
katholischen Universität in Tirol engagierten. Die Debatte verweist somit
39 Die Neugestaltung der österreichischen Universitäten über Allerhöchsten Befehl darge-
stellt von dem k.k. Ministerium für Kultus und Unterricht, S. 22.
40 George PHiLLiPs, Über den Geschichtsunterricht, in: Historisch-politische Blätter für das
katholische Deutschland (1851), S. 1–20, hier S. 7.
41 Ebenda.
Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
Aufbruch in eine neue Zeit
- Titel
- Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
- Untertitel
- Aufbruch in eine neue Zeit
- Autor
- Christof Aichner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20847-1
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 512
- Schlagwörter
- University of Innsbruck, University Reforms, Thun-Hohenstein, Leo, Universität Innsbruck, Reform, Universitätspolitik, Thun-Hohenstein
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen