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harnten.
dem Geburtsorte des Malers Defrcgger, mit seiner stattlichen, ncuerbauten Kirche. Von Dölsach führt der Weg,
fowohl der Fußsteig als die Fahrstraße, an etlichen behäbigen Bauernhöfen vorüber, in mehrfachen Windnngen
aufwärts, bis man endlich den Sattel des brcitrückigcn Isclsbcrgcs erreicht, den ein bescheidenes Kirchlcin, dem
heiligen Schutzengel gewidmet, als den ersehnten Uebcrgangspunkt in's Möllthal bezeichnet. Von der Terrasse vor
der Kirche genießt man einen umfassenden Ucbcrblick des Thalkessels von Licnz, der als eine der schönsten Land^
schaftcn des Pustcrthalcs gepriesen wird; und in der That, die Thnlflächc mit ihren unterschiedlichen Culturen, der
von buschigen Auen nmfäumtc Fluß, der mitten durchzieht, die reich bebauten, mit zahlreichen Häuserbüscheln
geschmückten Berglehnen der Sonnenseite, die nackten, wildzcrklüftcten Dolomite im Süden, die geheimnißvollen
Perspektiven des sich westwärts verlaufenden Trau- und Isclthalcs und im Centrum die weißen Häuser der Stadt
mit ihren Thürmen, überragt von dem stolzen Schlosse, sie geben ein großes wohlgeordnetes Bild, an dem man sich
lange nicht satt sehen kann. Von der Schutzengclkirche weiter geht der Weg dnrch Wicsbodcn, am einsamen Gasthause
zur Wacht vorbei, wo ein wcißruter Pfahl mit der entsprechenden Inschrifttafel die Grcuze zwischen Tirol uud
Kärntcn bezeichnet. Unweit davon liegt das Bad Isclsbcrg, dessen ^uelleu in unmittelbarer Nähe entspringe» und
zur Trink- und Badekur gebraucht werden; es hat eine Scchöhe von II68 Metern, die Rundsicht ist eine prachtvolle,
wie man sie anf solcher Höhe kaum irgendwo anders findet. Gegen Mittag erheben die Hochfreiuug, der Hochstadl,
die Wildentenspitze, der Viehkofcl, die Eandspitzc, die Lascrzc, der Simunskupf, der Ciscnschuß, die Gcmswiese, der
Spitzkofcl :c. ihre Kalk- nnd Tolomit-Massen in allen denkbaren phantastischen Formen znm blauen Hünmclsdom
empor; hoch über ihnen allen thront der Krcuzkofel, das Haupt der Gruppe, in wilder Abgeschiedenheit, während
gegen Norden die cisbclastete Ccntralkcttc von den zirknitzcr Goldbergen über den Stell-, Sadnitz- und Leitcnkopf
und den Contouren von Fragant hinaus den Blick fesseln und das Auge mit ihrer malerischen Abwechselung ergötzen.
Hinter dem Bade fällt die Straße durch dunklen Fichtenwald mälig hinab zum ersten Dorfe im Möllthale, das sich
bedentungsvoll Winklcrn nennt. Hier nemlich biegt sich das vom Norden kommende Thal der Moll fast unter
einem rechten Winkel gegen Osten ab, der Ort selbst aber liegt noch ziemlich hoch über der Thalsohlc am Abhänge
des Penzclbcrges, weshalb sich von allen Punkten zwischen den Häusern dnrch ein schöner Ausblick, sowohl thalauf
als thalab darbietet.
Das Möllthal prascntirt ganz den Charakter der Hochthäler des Taucrngcbietcs, einen freundlichen, einladenden
breiten Eingang, hierauf allmäligc Verengung, endlich im Hintergründe eine wildschönc Schlucht mit senkrechten
Wänden, lautlos hcrabschwebcnden Wasserfädcn, lärmenden Bächen, die aus dämincrigen Scitcngräben hervorstürmcn,
brausenden Abstürzen des Thalbachcs von einer Stufe zur andern, bis hoch oben, wo die einander gegenüberstehenden
Bcrghänge sozusagen eine Pforte bilden, sich mit einem Male eine andere Welt aufthut, die Region der Gletscher,
des ewigen Eises, die ein geräumiges Becken erfüllt, gebildet von den höchsten Häuptern der Tanernkctte. Das
Thal der Moll von Winklcrn gegen Hciligcnblut heißt auch Großkirchhcimcr-Thal, von der ehemaligen Herrschaft
Großkirchhcim, die über diese Gegend die Gerichtsbarkeit ausübte. Es ist ein ernstes Hochthal mit schmaler Sohle,
die von dem ungcbändigtcn Alpcnfluß stellenweise mit Schutt und Stcingcrölle überdeckt wurde, hie nnd da aber
auch freundliche Culturen, Wiesen, Aecker und Auen zeigt, wie in Mörtschach, in Sagritz, Döllach und Putschal.
In Düllach ist der Fall des Zirknitzbachcs nicht uninteressant, der über eine 150 Meter hohe Felswand hinabstürzt
in einen grauenvollen Schlund; noch merkwürdiger ist aber die Zirknitzgrottc oder Höhle ebendaselbst, in welcher der
Wildbach sich mit betäubeudcm Getöse durch ein Chaos von Felstrümmcrn Bahn bricht, um die nahe Moll zu
erreichen. — Bevor wir Heiligcnbluts ansichtig werden, nehmen noch zwei imposante Wasserfalle unsere Aufmerk-
samkeit in Anspruch: der Iungfernsprung nnd der vielgepriesene Möllfall am Zlap. Der erstere flattert gleich einem
Silbcrbande in bewegter Luft vom Rande einer 170 Meter hohen senkrechten Felswand in die Tiefe nieder, wo
sich sein Wasserstrahl, aufgelöst in lauter Thauperlcn, unter den üppigen Gräsern und bunten Blumen einer Wiese
verliert. Der zweite ist ein mächtiger Etnrzbach, indem die Moll von der höher gelegenen Thalstufe um Heiligcnblut
Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Titel
- Unser Vaterland
- Untertitel
- Steiermark und Kärnten
- Autoren
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Verlag
- Gebrüder Kröner
- Ort
- Stuttgart
- Datum
- 1877
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 28.1 x 42.23 cm
- Seiten
- 344
- Schlagwörter
- Wandern
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918