Seite - 88 - in Der österreichische Werbefilm - Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
Bild der Seite - 88 -
Text der Seite - 88 -
alleiniges Abfilmen der in Betrieb befindlichen Gerätschaft ohne menschliche
Prüfinstanz bleibt nahezu gänzlich aus.374 Die Herstellung der jeweils nächsten
Bonbonsorte wird mittels Zwischenschnitt (Großaufnahme) auf die mit neuen
Süßigkeiten gefüllte Hand des Onkels eingeleitet. Die Prozessbilder werden ver-
einzelt von einer kurzen Sequenz im Kinderzimmer unterbrochen: Die Kleinen
klatschen bei der Präsentation der Süßwaren durch denOheim begeistert in die
Hände. Der Mann erzählt mit ausschweifender Mimik und Gestik, während die
kleine Schar interessiert lauscht. AmEndeder Fertigungssequenzen leert der Zu-
ckerlonkel nun die Bonbons zur freien Entnahme auf den Tisch. Die Mädchen
greifen begeistert zu, der Jüngstewird vomAlten gefüttert. Das Prinzip „der Be-
lehrung folgt die Belohnung“ wird hier als pädagogisch erfolgreiches Konzept
zelebriert.
Anders alsbeiDIE SÜSSEFABRIK fehlenbeiDERZUCKERLONKEL jeglicheZwischen-
titel. Ob der Film ohne Texttafeln geplant war und es einen fixen Begleitvortrag
gab, ist aufgrundder fehlendenQuellennichtmehr feststellbar.Möglichwäreauch
eine spätere Entfernung der Zwischentitel, da der Film letztlich zu Bildungszwe-
ckeneingesetztwurde.375 EineoffenePropaganda fürdieProdukte einesUnterneh-
mens lehnte man in diesem Rahmen ab. Allerdings hielt man in der Presse den
Meinl-Filmenbesonderszugute,dassdiese„meilenweitvon jederArtvonReklame“
entfernt seien: abgesehenvondemUntertitel „Aufgenommen indenBetriebender
JuliusMeinl A.G.Wien“. Begeistert zeigteman sich aber auch vonden imStreifen
dargebrachten „prächtigenArbeitsräumenmit denpeinlich rein gekleidetenArbei-
tern und Arbeiterinnen“. „Ermöglicht werde dies erst“ – soDer Filmbote – durch
die „tadellose“Umsetzung der Filme: „Der sorgfältigste, pädagogisch richtige und
mitheiterenEinfällengewürzteAufbauvereinigt sichmiteinererstklassigenPhoto-
graphie, die sich denmodernsten Errungenschaften auf demGebiete der Beleuch-
tungstechnikbedienenkonnte“.376
Trotz des großen Erfolgs der Filme unterließ es die Firma Meinl, eines ihrer
größten und meistpropagierten Projekte auch kinematographisch festzuhalten.
In den Jahren 1927 bis 1930 führte dasUnternehmen einweitreichendes Rationali-
sierungsprogrammdurch.Man folgte demPrinzip „der geraden Linie“,377 wonach
374 In einer Sequenzwird einemechanische Füllvorrichtung inVignetten-Kasch-Optik für einige
Sekunden inGroßaufnahmebeobachtet.DieSzenedavorunddanachzeigenaber jeweils auchdie
prüfendenFachkräfte,diesich indergroßenEinstellungdemBlickdesBetrachtersentziehen.
375 ImUrania-Katalogdes Jahres 1927 ist vermerkt, dass zudenMeinl-FilmeneineVortragsunter-
lage vorhandenwar, was durchaus für eine Entfernung der Zwischentitel sprechen könnte. ÖStA,
AVA, BMU,Volksbildung: Film, 1929–1930, Ktn. 487, Fasz. 472, Gschz. 36407-II/10b, 1932, Ggstd.:
VolksbildungshausWiener Urania, Lehrfilme, Märchenfilme, unterhaltende Beigaben, Verlag des
VolksbildungshausesWienerUraniaWien1927, Juni 1932.
376 DerFilmbote,„Einsehenswerter Industriefilm“,Nr. 19, 13.Mai 1922S. 11.
377 Schechner,Kurt:Menschenbehandlung imBetriebe,Wien1931,S. 7.
88 6 Belehren– informieren–werben
zurück zum
Buch Der österreichische Werbefilm - Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938"
Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Titel
- Der österreichische Werbefilm
- Untertitel
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Autor
- Karin Moser
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 316
- Schlagwörter
- Culture of memory, media history, advertising
- Kategorie
- Kunst und Kultur