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SachlichkeitdenKulturfilmdesFaschismusmitprägte,465 setztendieKurzfilmherstel-
lerder„Selenophon“aufeinebeschaulichromantisierendeBildkomposition.Nursel-
ten lassen Produktionen wie etwa WEISSE KOHLE (A 1935) mehr Bewegung und
Modernität zu.DasThema„Stromerzeugung“ führt indiesemFalldirekt indieStadt,
zeigt „gutbürgerliche“Kinder beimSpielmit der elektrischenEisenbahnund städt-
ische junge Frauen bei der Körperpflege. Die Leuchtreklamewird einmal nichtmit
demmoralischenVerfall einer Gesellschaft gleichgesetzt, der Schnitt ist etwas zügi-
geralsgewohnt,aberdochnoch leichtnachvollziehbar.DerElektrizität, einerErrun-
genschaft des 19. Jahrhunderts, wird gehuldigt, vielleicht etwas spät. Die Uhren
gingeninÖsterreichebenetwaslangsamer,derRhythmuswareinanderer.466
Die filmästhetischeRückständigkeit vielerKulturfilme ließ–ganzandersals in
denoffiziellenStellen zu lesen–durchauskritischeStimmen lautwerdenundver-
wies vor allem auf reale Probleme der Kinounternehmer.Während die Fachpresse
nurwenigen „ständestaatlichen“Kurzfilmproduktioneneine„inhaltlicheund tech-
nischeSpitzenleistung“zusprach,467klagtendieKinobesitzerüberdasgeringe Inte-
resse, das dem „kulturell hochstehenden“Filmzuteilwurde. Für einenKulturfilm,
derGesamtspesen (Ankauf, Personal, Infrastruktur,Werbung) von 70Schillingmit
sich brachte– so rechnete ein Betroffener vor–, konnten an einemTag nur 13,20
Schilling eingenommenwerden.DiesemVerlustgeschäftmüsse, so der Fachmann,
gezieltestaatlichmotiviertePropagandaAbhilfeschaffen.468
DiesemAnsinnenkamdasautoritäreRegimedurchausnach. Ineinerregelmäßig
über die RAVAG469 ausgestrahlten Radiosendung wurden Kulturfilme explizit be-
sprochen und empfohlen.470 Die ZeitschriftDer gute Film, das Sprachrohr des 1934
mitUnterstützungKardinal Innitzers begründeten „Instituts für Filmkultur“, bewer-
tete zudemFilmenach „volks- und jugenderziehlichenGesichtspunkten“.471DieUr-
teile des Instituts, das als Vertrauensstelle zwischenderVaterländischenFront, der
465 Hoffmann,Kay:Rhythmus,Rhythmus,Rhythmus!Avantgarde&Moderne imFaschismus, in:
von Keitz, Ursula/Hoffmann, Kay (Hg.): Die Einübung des dokumentarischen Blicks. Fiction Film
undNonFiction Film zwischenWahrheitsanspruch und expressiver Sachlichkeit 1895–1945,Mar-
burg2001,S. 169–191.
466 Moser,Demokratie,S.302 f.
467 ÖsterreichischeFilm-Zeitung,„KulturfilmaufneuenWegen“,Nr.6,5.Februar 1937,S. 2.
468 DerguteFilm,„DerwertvolleFilmimKino“,Nr.91/92, 14.September1934,S. 1 f.
469 Abkürzung für die am 30. September 1924 gegründete Österreichische Radio-Verkehrs-
Aktiengesellschaft,dieam1.Oktober 1924denSendebetriebaufnahm.
470 Vgl. u.a. : ÖStA, AdR, BMHV, 581c, Ktn. 3711, Gschz. 94886-WPA/37, Grz. 92307-WPA/37,
Ggstd.: Verlautbarung der Programmierung der h.a. Kultur- undWirtschaftsfilme imRadio, Feb-
ruar1937.
471 ÖSTA/AdR/BKA-Allg., 20/6a, Kino, Radiowesen, Lizenzen, Kt. 4826, Zl. 325.914, Generaldirek-
tion fürdieöffentlicheSicherheit, Betr.: Institut fürFilmkultur.KonstituierungdesKuratoriums,4.
Dezember1934.
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Buch Der österreichische Werbefilm - Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938"
Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Titel
- Der österreichische Werbefilm
- Untertitel
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Autor
- Karin Moser
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 316
- Schlagwörter
- Culture of memory, media history, advertising
- Kategorie
- Kunst und Kultur