Seite - 163 - in Der österreichische Werbefilm - Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
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und erklärt, dass Frau Reisleitner bei der Klassenlotterie 300.000 Schilling ge-
wonnenhat.DieHausfrauverliert nun jedeFormder Zurückhaltung. Erregt greift
sie sich an die Brust, auf denMund, zittert am ganzen Körper und schreit nun-
mehr: „Jessas, jessas, hermit derMarie! Anschauen lassen das Geld!“Der junge
Mann kommt dieser Aufforderung nach und zieht die Geldpakete aus seiner Ta-
sche.Mit demAuftritt desBankangestelltenunddemKameraschwenkzurück zur
Mitte des Raums sind für einige Sekunden nur noch Frau Reisleitner und
dermännlicheProtagonist zusehen.
Mit der Präsentation des Gewinns gesellt sich Resi zurMutter, legt einen Arm,
umsie.DerGeldsegenhebtdieDistanz zwischendenbeidenauf.DieTochter bringt
folglich die neue Ausgangssituation auf den Punkt: „Aber jetzt, Mutter, jetzt darf
i mein Karl heiraten?“ Frau Reisleitner – sich ihrer neuen Position nun bewusst –
verändertGestik,MimikundTonfall. Sie strecktdenKörper, hebtdenKopf, verzieht
denMundunderklärt leicht näselnd: „Na ja, es ist zwar eineMesalliance, abermia
könnenma sich das jetzt leisten!“ [sic!] Dabeiwirft sie zwei Geldpakete verächtlich
auf den Tisch. Komisch ist daranneben ihremäußerenHabitus auchdie von ihr ge-
wählteSprache.Nichtnur ist sienicht inderLage,dasWort„Mesalliance“ französisch
richtigprononciert auszusprechen, auchdasHochdeutschentgleitet ihr letztlich.Geld
alleinmacht – in dieser Volksstückdarbietung – eben noch keine „Dame“, die Her-
kunftbleibt in ihremWesenfestgeschrieben(sodasFazit).
Nach einem Schnitt folgt der Schlussappell. Aus extremer Untersicht wird der
Stephansdomvonobennachunten zuabgeschwenkt.DazuertöntdieAufforderung
derOff-Stimme728:„EilenSiezumHaupttrefferbankhausSchelhammerundSchattera
aufdemStephansplatz!“EinemweiterenSchnitt folgt einSchwenk(nun innormaler
Kameraperspektive, auf Augenhöhe) vom angedeuteten Portal des Doms über den
Platzbis zumGeschäftslokaldesUnternehmens. Es folgt eineNahaufnahmederAu-
ßenfront des Bankhauses, Passanten eilen vorbei. Der Sprecher schließt seinenAp-
pell wie folgt: „Die Ziehungen der mit einem neuen Spielplan ausgestatteten 31.
Klassenlotterie beginnen schon am 23. Mai. Achtung! Sie können diesmal einen
Haupttreffer von einer ganzenMillionSchilling gewinnen!“Das Schlussbild präsen-
tierteinePanoramaaufnahmeWiensmitzentralemBlickaufdenStephansdom.
Diebeste innerstädtischeLagedesVerkaufslokalsnimmteinezentraleRolle inME-
SALLIANCE ein. Sowohl auf der Text- (der Angestellte des Bankhauses stellt sich etwa
mitderGeschäftsadressevor)alsauchaufdervisuellenEbene istderDomdaswieder-
kehrendeBezugselement.Zugleich istderStephansdomeinoriginäresWienerSymbol.
DieTonartdesFilms ist traditionell,Wienerisch,volksnah,wasvorallemüberdieDar-
bietung der u.a. als Nestroy-, Raimund- oder Salten-Darstellerin bekannten Hansi
728 Zuhören ist dieStimmeKarl Ziegelmayers. Erwar auchder Sprecherder austrofaschistischen
Wochenschau ÖSTERREICH IN BILD UND TON. Seine markante Stimme war später auch in den OST-
MARK-WOCHENSCHAUENwieauchinzahlreichenKulturfilmender1950er-Jahrezuvernehmen.
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Titel
- Der österreichische Werbefilm
- Untertitel
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Autor
- Karin Moser
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 316
- Schlagwörter
- Culture of memory, media history, advertising
- Kategorie
- Kunst und Kultur