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didaktisch-fachliche InhaltemitkörperlicherSituationskomikundsetztaufSolidarisie-
rungsmechanismen von Seiten des Publikums. Über die Schwächen und das Unge-
schick des Komikers – als gesellschaftlichen Außenseiter – können die Zuschauer
lachen,zugleichempfindensie für ihnEmpathieundidentifizierensichmit ihm.839
Seff begibt sich stellvertretend für dasPublikumaufEntdeckungsreise. In teils
anarchistischerManier–einemKindgleich,daskeineGrenzenkennt–erforschter
die technischeModerneundnimmtdemZuschauer einwenigdenRespekt vor der
maschinellen Übermacht. Die Angst wird zwar genommen, zugleich aber die Be-
geisterung für die mechanische Leistungskraft gestärkt. Die technischen Aufnah-
menwerden vonpantomimischenKommentaren begleitet: Seff (stets inNah- oder
Großaufnahme) reißtAugenundMunderstauntauf,grinst inseligerHingabe, reibt
sich verzückt die Hände. Seine Gebärden geben Gefühle und Reaktionen vor, die
dasdemKomikergegenüberstehendePublikumnachempfindenkann.840
Seffs körperliche Durchschnittlichkeit schafft gleichfalls Nähe. An ihmmuss
man sich nicht messen, anders als es die Sport- und Körperkultur der Zwischen-
kriegszeit vorgab.841 Schonder Filmtitel persifliert das propagierte neueKörperbe-
wusstsein. Der KulturfilmWEGE ZU KRAFT UND SCHÖNHEIT (D 1925/26) suggeriert die
Notwendigkeit, den von der industriellen Massengesellschaft eingeengten Körper
sportlich zu fordern, zu formen und zu befreien, um einem „natürlich harmoni-
schen“, vorallemgriechisch-antiken Ideal zuentsprechen. InSEFFAUFDEMWEGEZU
KRAFT UND SCHÖNHEIT stehen Natur und Industrie jedoch nicht in einem Wider-
spruch. Das natürliche, heimische Produkt wird industriell bearbeitet, qualitativ
aufgewertet und beeinflusst schließlich die körperliche Erscheinung positiv – so
dieBotschaftdesFilms.DerMilchkonsumgibtKraft,diesportlichaktiveBetätigung
wirddadurcherstermöglicht.DievonSeffaufgrundihrerkörperlichenErscheinung
zurategezogenenAthletinnenundAthletenantwortenaufdieFrage,woher sie ihre
Stärke beziehen, nicht etwamit „Sport!“, sondernmit „Milch!“. Der Vergleich der
Körpermacht diese Schlussfolgerung auch plausibler. Seff versuchtmit den Läuf-
erinnen und Läufern Schritt zu halten, er ahmt Körperhaltungen nach. Von den
Internationale Germanistik, Jg. XVI, Heft 2, Bern/Frankfurt am Main/New York 1984, S. 13
f.McGhee,PaulE./Goldstein, J.H., ThePsychologyofHumor: Theoretical Perspectives andEmpiri-
cal Issues,NewYork1972,S.61–80.
839 Für Ekmann ist eine Solidarisierungmit dem Verlachten die Voraussetzung dafür, dass die
Komik als humoristisch und nicht als satirisch wahrgenommen wird. Ekmann 1984, 20–21. Vgl.
dazuauchSeeßlen1976,S.9.
840 DienachfolgendenAusführungen entsprechenüberweite Teile hinweg einerAnalyse, die von
der Autorin dieser Arbeit 2012 erstellt und veröffentlicht wurde. Siehe: Moser, „Hygienisch -
gesundheitsfördernd–schmackhaft“,http://www.medienimpulse.at/articles/view/641, (30.11.2014).
841 Zur Sport- und Körperkultur der 1920er- und 1930er-Jahre siehe u.a. Wedemeyer-Kolwe,
Bernd: „Ein Ereignis für den ganzen Westen“. Körperkultur in Weimar zwischen Öffentlichkeit,
Kunst und Kultur, in: Cowan, Michael/Sicks, Kai Marcel (Hg.): Leibhaftige Moderne. Körper in
KunstundMassenmedien1918bis 1933,Bielefeld2005,S. 187–199.
8.4 Werbefilmproduzenten imPorträt 195
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Titel
- Der österreichische Werbefilm
- Untertitel
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Autor
- Karin Moser
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 316
- Schlagwörter
- Culture of memory, media history, advertising
- Kategorie
- Kunst und Kultur