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gelehnt. Der Schlangen-Strick reicht nicht bis ganz oben. Der Mann, der sich am
Strick hochzieht, greift schließlich ins Leere. Der in sich zusammenfallende Strick
formiert sichnun zu einer Sprungfeder und schleudert denMannauf dasDach, in
die Arme der Geliebten. Auch die Angebetete ist orientalisch gekleidet – sie trägt
gleichfallsPluderhosesowieeinenHalbmondimHaar.
Die beidenumarmen sich leidenschaftlich, einHerz formiert sichumdie Lieb-
enden. Nun setzt „abendländische“ Tanzmusik im Stil der 1930er-Jahre ein. Ein
Teppichkommtgeflogen,wickelt das Paar einund rollt sichwiederholt umdie ei-
gene Achse. Die unten herausragenden Beine der beiden verraten, dass das Paar
nunübereinander liegt, ein Liebesaktwird angedeutet. Der Teppich rollt sichwie-
der auf, der Orientale sitzt nun im Schneidersitz auf dem fliegenden Gefährt, der
Kopf seinerGeliebten ruhtauf seinenBeinen.Er zieht entspanntaneiner Zigarette.
Ihre erotische liegendePosenimmtAnleihebei klassischenAktmotivenderbilden-
den Kunst.991 Ihre Wangen sind leicht gerötet, der Mund geöffnet. Beide fliegen
nun entspannt im Liebes- und Genussrausch über die Stadt. Sie sind der Realität
enthobenundschwebensinnbildlichvorGlück.
Es folgt eineÜberblende: In leichter Aufsichtwerden ordentlich gereihte Ziga-
retten präsentiert. Der Off-Kommentar setzt ein: „Ein orientalisches Wunder! Die
wunderbare Falk Kalif Zigarette.“ Einer neuerlichen Blende folgt die Präsentation
zweierKalif-Zigaretten-Packungen, einmal zu 25undeinmal zu 10Stück.Amunte-
renRanddergrößerenSchachtel istdieAufschrift„Entnikotinisierungs-AnstaltAu-
gustFalk“deutlichzu lesen.NacheinemSchnittwerdenmehrerePackungenzu10
und 25 Stück in leichter Obersicht in den Fokus genommen. Die Aufnahme ent-
sprichtdemBlick ineinSchaufenster.Abblende,dieTanzmusikklingtaus,Ende.
Bereits 1908hattedieÖsterreichischeTabakregieeinenLizenzvertrag fürentni-
kotinisierte Zigarettenmit August Falk geschlossen.992 Ab 1925 forcierte man den
Verkaufder „leichten“Zigaretten.993DerWerbefilmDASORIENTALISCHEWUNDERver-
sinnbildlichtdieLeichtigkeit desProdukts.MittelsAnleihenaus„Tausendundeiner
Nacht“ erfüllen sichSehnsüchte,manentsteigt der Realität undentschwebt inun-
geahnteHöhenderLust,wobeihiereineklareVerbindungzwischendemLiebesakt
unddemGenussderZigarettehergestelltwird.DasdurchdieKalif-Zigarette entste-
hendeGefühlderLeichtigkeitwird sinnbildlichüberdendahingleitendenTeppich
unddas inentspannterotischerPoseverharrendePaardemonstriert.
DerAnimationsfilmermöglicht es, eineneue, andereWirklichkeit bis insklein-
ste Detail zu erschaffen. DerWerbefilmprofitiert undnutzt dieseOptionen. In der
Zwischenkriegszeit griff man gerne auf Figuren der Märchen- und Wunderwelt
991 ZumklassischenAkt inderWerbungsieheu.a.:Kuchenbuch,Filmanalyse,S.363 f.
992 Benesch,Tabakregie, 23 f.Trost,RauchenfürÖsterreich,S. 148.
993 FachlicheMitteilungen derÖsterreichischen Tabakregie, „Die BeteiligungderÖsterreichischen
TabakregieanMessenundAusstellungen“,Heft 2, Juli 1931,S.6.
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Titel
- Der österreichische Werbefilm
- Untertitel
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Autor
- Karin Moser
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 316
- Schlagwörter
- Culture of memory, media history, advertising
- Kategorie
- Kunst und Kultur