Seite - 759 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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Als eine »Wiederentdeckung«muss das hier erstmals dargestellte, nahezu
völlig in Vergessenheit geratene Ergänzungscurriculum der Staatsverrech-
nungswissenschaft bezeichnet werden, das von der Fakultät angebotenwurde
und eineAusbildung in Finanzgebarung, Staatsbuchführung undRechnungs-
kontrolle enthielt. Es kann als Vorläufer des heute im Rahmen von wirt-
schaftswissenschaftlichen Studien gelehrten Faches »Rechnungswesen« ange-
sehenwerden.
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Die Fakultät war in hohemMaße von der politischen Entwicklung der Zwi-
schenkriegszeit betroffen. So erarbeiteten die Professoren Hans Mayer, Leo
Strisower, AlfredVerdroß, HansVoltelini und FriedrichWieser unter Leitung
vonHans Sperl in den Jahren 1926/27 ein gemeinsamesGutachten zu vermö-
gensrechtlichenFragen,die ausdemVertragvonSt.Germain resultierten,und
arbeiteten hier direkt im Auftrag der österreichischen Bundesregierung, die
aufgrund des Fakultätsgutachtens ihre Schulden gegenüber den anderenVer-
tragspartnern um fast vier Milliarden Kronen reduzieren konnte. Geradezu
entgegengesetzt verhielt es sichdagegen1933, als auf Initiativedes reichsdeut-
schen NS-Juristen Norbert Gürke dieWiener Professoren Ernst Schönbauer,
MaxLayer,AdolfMerkl,WenzelGleispach,KarlG.Hugelmannundfünfweitere
österreichische Juristen gemeinsamundöffentlich gegenden autoritärenKurs
derBundesregierungauftraten, indemsie inwissenschaftlichenArtikeln,die in
der reichsdeutschen Zeitschrift »Verwaltungsarchiv« publiziert wurden, ent-
wederdieRechtswidrigkeit oderdochzumindestProblematikdesRegierungs-
handelns detailliert darlegten.Wie bereits oben erwähnt, hatte dies für Layer
und Gleispach unmittelbar, für Hugelmann mittelbar die Versetzung in den
RuhestandzurFolge.
AlspolitischesWirkenmussaberauchdieAusrichtungderFachtagungenvon
1928 angesehenwerden: Am 23./24.April tagte inWien die Vereinigung der
DeutschenStaatsrechtslehrer, vom12.–14.September fand inSalzburgder35.
Deutsche Juristentag statt, undvom27.–29.Oktober traf sichdieVereinigung
deutscherZivilprozessrechtler inWien.WaresbeiderStaatsrechtslehrertagung
noch (lediglich) der – von der Großdeutschen Partei stammende – Justizmi-
nister FranzDinghofer, der in seiner Rede denUmstand angesprochen hatte,
»daßOesterreich undDeutschland in kultureller Beziehung eine untrennbare
Einheitbilden«,sowarbeiderProzessrechtstagungdieRechtsvereinheitlichung
zwischenÖsterreich und Deutschland unmittelbares Diskussionsthema. Der
Plan,Österreichmöge das deutscheBGB einführen,Deutschlanddagegendie
österreichischeZPO,wurdeaufdergenanntenTagungzwarverworfen,waraber
zujenerZeitTagesgesprächundsollteseineKrönungimgemeinsamendeutsch-
ZusammenfassungundSchlussbetrachtung 759
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Titel
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Autoren
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 838
- Kategorie
- Recht und Politik