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Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Seite - 122 -
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122 Invalidenschulung Die Grenze zwischen Arbeitstherapie und Berufsschulung war im Reservespital Nr.  11 unscharf. Die Arbeit sollte  – ganz im Sinne der Arbeitstherapie  – zunächst ihre heilende Wirkung entfalten : Wichtig war, „dass der Behandelte etwas schafft“50 und den Fortschritt seiner Arbeit an dem bearbeiteten Gegenstand sah, ohne zu merken, dass er dabei selbst Gegenstand der Behandlung war. Das Resultat dieser Behandlung war nach Beobachtung der Ärzte ein doppeltes : Zum positiven physiologischen Effekt gesellte sich auch ein psychologischer : „Die Lust zur gewohnten Arbeit, die sich auch nach anfänglichem Widerwillen naturgemäß einstellt, lässt ihn manche anatomische und funktionelle Schwierigkeiten überwinden, von geistigen und Willensstörungen ganz abgesehen.“51 So hatten die Ärzte mit der Arbeit „nicht nur einen kräftigen Be- helf zur Hebung der Gesundheit“ in der Hand, sondern auch ein Mittel, um „die Leute […] in Arbeit und Wirklichkeit zurückschieben [zu] können.“52 War dieser erste Schritt einmal getan, so konnte die Vorstufe der Arbeitstherapie verlassen und der Kriegsbeschädigte durch konkrete Berufsausbildung „zur Ausübung eines verdienstschaffenden Gewerbes erzogen werden“.53 Wo es nicht gelang, die An- passungsleistung zur Gänze den Kriegsbeschädigten abzuverlangen, mussten ortho- pädische Apparate und Prothesen aushelfen oder Arbeitsgeräte so adaptiert werden, dass sie  – etwa durch breitere Griffe  – von versteiften Fingern leichter benutzt werden konnten.54 Mittelpunkt der Invalidenstadt und „Lebensader der gemeinsamen Arbeit“ waren daher die Prothesenwerkstätten, in denen allein über 300 Kriegsbeschädigte mit der Herstellung orthopädischer Behelfe beschäftigt waren55 und die sich durch „ein ständiges Zuströmen und Weggehen“56 der zur Prothesenanpassung und -abholung erscheinenden Kriegsbeschädigten auszeichneten. Am Körper geheilt, durch Schulung arbeitsfähig gemacht und oft durch eine Be- rufsausbildung qualifiziert, wurde jeder Kriegsbeschädigte  – so er nicht wieder als mi- litärdiensttauglich eingestuft wurde  – direkt von der Anstalt auf einen Arbeitsplatz vermittelt, „denn nur entweder geheilt zurück ins Heer oder auf eine gesicherte Stelle zurück ins Leben können unsere Pfleglinge aus dem Spital entlassen werden“,57 äußerte 50 Spitzy, Arbeitstherapie, S.  4f. 51 Ebd. 52 Ebd., S.  16. 53 Siegfried Boxer, Über die Verminderung der Erwerbsfähigkeit Invalider, in : Spitzy, Unsere Kriegsinva- liden, S.  91–97, hier S.  91. 54 Spitzy verwendet hier den Begriff der „pathologischen Werkzeuge“ ; Spitzy, Arbeitstherapie, S.  11. 55 Die erste Werkstätte dieser Art war bald viel zu klein und musste um zwei große fabrikartige Gebäude erweitert werden. 56 Spitzy, Organisation, S.  11f. 57 Spitzy, Arbeitstherapie, S.  2. Spitzy formuliert den Grundsatz seines Spitals an anderer Stelle so : „[J] eder Mann zurück zu seiner Arbeit, in seinen Ort, in seinen Gau, zu seinem früheren Herrn !“ ; Hans
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Die Wundes des Staates Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Die Wundes des Staates
Untertitel
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Autoren
Verena Pawlowsky
Harald Wendelin
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2015
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC 3.0
ISBN
978-3-205-79598-8
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
586
Kategorien
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