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122 Invalidenschulung
Die Grenze zwischen Arbeitstherapie und Berufsschulung war im Reservespital
Nr.
11 unscharf. Die Arbeit sollte
– ganz im Sinne der Arbeitstherapie
– zunächst ihre
heilende Wirkung entfalten : Wichtig war, „dass der Behandelte etwas schafft“50 und
den Fortschritt seiner Arbeit an dem bearbeiteten Gegenstand sah, ohne zu merken,
dass er dabei selbst Gegenstand der Behandlung war. Das Resultat dieser Behandlung
war nach Beobachtung der Ärzte ein doppeltes : Zum positiven physiologischen Effekt
gesellte sich auch ein psychologischer : „Die Lust zur gewohnten Arbeit, die sich auch
nach anfänglichem Widerwillen naturgemäß einstellt, lässt ihn manche anatomische
und funktionelle Schwierigkeiten überwinden, von geistigen und Willensstörungen
ganz abgesehen.“51 So hatten die Ärzte mit der Arbeit „nicht nur einen kräftigen Be-
helf zur Hebung der Gesundheit“ in der Hand, sondern auch ein Mittel, um „die
Leute […] in Arbeit und Wirklichkeit zurückschieben [zu] können.“52
War dieser erste Schritt einmal getan, so konnte die Vorstufe der Arbeitstherapie
verlassen und der Kriegsbeschädigte durch konkrete Berufsausbildung „zur Ausübung
eines verdienstschaffenden Gewerbes erzogen werden“.53 Wo es nicht gelang, die An-
passungsleistung zur Gänze den Kriegsbeschädigten abzuverlangen, mussten ortho-
pädische Apparate und Prothesen aushelfen oder Arbeitsgeräte so adaptiert werden,
dass sie
– etwa durch breitere Griffe
– von versteiften Fingern leichter benutzt werden
konnten.54 Mittelpunkt der Invalidenstadt und „Lebensader der gemeinsamen Arbeit“
waren daher die Prothesenwerkstätten, in denen allein über 300 Kriegsbeschädigte mit
der Herstellung orthopädischer Behelfe beschäftigt waren55 und die sich durch „ein
ständiges Zuströmen und Weggehen“56 der zur Prothesenanpassung und -abholung
erscheinenden Kriegsbeschädigten auszeichneten.
Am Körper geheilt, durch Schulung arbeitsfähig gemacht und oft durch eine Be-
rufsausbildung qualifiziert, wurde jeder Kriegsbeschädigte – so er nicht wieder als mi-
litärdiensttauglich eingestuft wurde – direkt von der Anstalt auf einen Arbeitsplatz
vermittelt, „denn nur entweder geheilt zurück ins Heer oder auf eine gesicherte Stelle
zurück ins Leben können unsere Pfleglinge aus dem Spital entlassen werden“,57 äußerte
50 Spitzy, Arbeitstherapie, S. 4f.
51 Ebd.
52 Ebd., S. 16.
53 Siegfried Boxer, Über die Verminderung der Erwerbsfähigkeit Invalider, in : Spitzy, Unsere Kriegsinva-
liden, S. 91–97, hier S. 91.
54 Spitzy verwendet hier den Begriff der „pathologischen Werkzeuge“ ; Spitzy, Arbeitstherapie, S. 11.
55 Die erste Werkstätte dieser Art war bald viel zu klein und musste um zwei große fabrikartige Gebäude
erweitert werden.
56 Spitzy, Organisation, S. 11f.
57 Spitzy, Arbeitstherapie, S. 2. Spitzy formuliert den Grundsatz seines Spitals an anderer Stelle so : „[J]
eder Mann zurück zu seiner Arbeit, in seinen Ort, in seinen Gau, zu seinem früheren Herrn !“ ; Hans
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918