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„Zentralverband“
Nach massiven Auseinandersetzungen mit anderen Funktionären verließ Heinrich
Gallos – begleitet von heftigen Vorwürfen im Invaliden – den Verein aber schließlich
trotzdem noch im selben Jahr. Er war von nun an eine Persona non grata im Zentral-
verband, der ihm vorwarf, immer nur Werkzeug anderer gewesen zu sein und maßlos
ungeschickt agiert zu haben („der Mann ist nicht für die wirkliche Arbeit zu haben ;
seine Stärke ist das Schimpfen und Poltern“,64 „Er verwechselt die Organisation mit
seinem Orchester, und hier wie dort will er die erste Geige spielen. […] Er war unfähig.
Sogar sein eifrigster Freund Hollitscher musste dies zugeben.“65). Gallos gründete im
August 1922 im Invalidenheim Schloss Hetzendorf66 einen neuen Verein, den Verband
der Schwerinvaliden und Hilflosen Österreichs.67 Von der monarchistischen Zeitschrift
Staatswehr – Leitspruch : „Schwarzgelb bis in die Knochen“ – medial unterstützt,68
lehnte sich der neue Verein eng an den damals erst im Aufbau begriffenen kleinen
christlichsozialen Kriegsbeschädigtenverband,69 mit dem er die Büroräume teilte70 und
in dem er schließlich auch aufging. Gallos pflegte zudem enge Beziehungen zu christ-
lichsozialen Politikern, etwa zum Sozialminister (1922–1924) Richard Schmitz71 oder
zum Minister für Heerwesen (1922–1933) und späteren kurzzeitigen Bundeskanzler
(1930) Carl Vaugoin, der Gallos als seinen Freund bezeichnete.72 Die Zeitschrift des
Zentralverbandes zog in den Folgejahren heftig über den Gründungsvater des Vereins
her, warf dem Abtrünnigen Wucher und Korruption vor, prozessierte gegen ihn73 und
unterstellte ihm – ob zu Recht oder nicht – neben seinem Naheverhältnis zu monar-
chistischen Kreisen auch eines zu den „Hackenkreuzlern“.74 Heinrich Gallos polari-
64 „Der Kapellmeister als Sturmbock“, in : Nachrichten Zentralverband, Nr. 7/8 v. 15.11.1922, S. 5–7, hier
S. 6.
65 Ebd., S. 5.
66 Ebd., S. 6.
67 Dieser Verband nahm als Mitglieder nur Beschädigte ab einer MdE von 65 % auf.
68 Der Schwerbeschädigtenverband trug im Invaliden die Bezeichnung „Gallos-Verband“ ; Der Invalide, Nr.
8–11 v. November 1922, S. 2 ; vgl. auch „Der innere Feind“, in : ebd., S. 2f ; Staatswehr. Demokratisches
Organ aller Offiziere und Militärbeamten Deutschösterreichs. Offizielles Organ der Berufsgagisten-
Genossenschaft, Nr. 48 v. 16.12.1923, S. 1.
69 Zu diesem Verband vgl. genauer Kapitel 13.1.3.
70 H.T. [Helmut Thanel], Die Invalidenbewegung, in : Der österreichische Kriegsinvalide, Nr. 4 v. 14.4.1923,
S. 1f, hier S. 2.
71 Der Invalide, Nr. 1 v. Juli 1923, S. 2f.
72 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1403, 19729/1922, Vaugoin an BMfSV v. 24.7.1922.
73 Zum Prozess des Obmannes des Wiener Landesverbandes Maximilian Brandeisz gegen Gallos siehe u.
a. Staatswehr, Nr. 48 v. 16.12.1923, S. 1 ; zum Ehrenbeleidigungsprozess des Kassiers des Schwerbeschä-
digtenverbandes gegen Mitglieder des Zentralverbandes siehe Der Invalide, Nr. 2 v. 1.10.1923, S. 6.
74 Z. B. „Die Wahrheit über den Gallos-Verband“, in : ebd., Nr. 1 v. Juli 1923, S. 3f ; siehe auch ebd., Nr. 2
v. 1.10.1923, S. 2–4 ; „Umgruppierung des Gallosverbandes“, in : ebd., Nr. 1 v. März 1924. Gallos trat
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918