Seite - 272 - in Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Bild der Seite - 272 -
Text der Seite - 272 -
272 Die Invalidenbewegung
geschehen, damit „jegliche Beunruhigung der Invalidenschaft und jeder Schein, als
ob vielleicht ein staatlicher Eingriff in ihre Selbständigkeit beabsichtigt oder im Zuge
wäre, zuverlässig vermieden werde“.79 Das Ergebnis der Sondierungen lag erst um die
Jahreswende 1919/1920 vor und ergab ein heterogenes Bild. Neben den Zweigvereinen
des Zentralverbandes, der mit zahllosen Ortsgruppen in allen Bundesländern auch auf
lokaler Ebene vertreten war und in seinen Reihen die allermeisten Kriegsbeschädig-
ten vereinigte, gab es auch Verbände christlicher oder kommunistischer Ausrichtung,
Vereine kriegsbeschädigter Berufssoldaten, Vereine, die ausschließlich Kriegerwitwen
(und -waisen) vertraten, sowie Veteranenvereine, die zwischen Kriegsbeschädigten und
gesunden Kriegsheimkehrern nicht unterschieden.80
Vor dem Hintergrund der weiteren Entwicklung und der Tatsache, dass die österrei-
chische Politik der Zwischenkriegszeit in allen Bereichen eine scharfe Fraktionierung
in ein sozialdemokratisches und ein christlichsoziales Lager erlebte, ist vor allem auf
eine Gründung besonders hinzuweisen : Ende August 1919 wurde – unter der Patro-
nanz des christlichsozialen Unterstaatssekretärs im Staatsamt für soziale Verwaltung,
Josef Resch,81 – der Verband christlicher [Heimkehrer,] Kriegsinvalider, Kriegerwitwen
und -waisen Deutschösterreichs ins Leben gerufen, womit erstmals ein christlichsoziales
Gegenstück zum Zentralverband entstanden war.82 Der schon seit März 191983 exis-
tierende Verband christlicher Heimkehrer und Invaliden hatte zwar die Invaliden im Titel
geführt, war aber ein reiner Heimkehrerverband gewesen. Der neue christlichsoziale
Verein konzentrierte sich jetzt stärker auf die Kriegsbeschädigten.84 Seine Tätigkeit
79 Ebd., Kt. 1559, Sa 44, 23874/1919, StAfsV an PDion Wien v. 27.8.1919.
80 Vgl. die umfangreichen Listen, die den Stand in der zweiten Jahreshälfte 1919 abbilden ; ebd., Kt. 1559,
Sa 44 ; vgl. auch Tabelle 7 im Anhang.
81 Josef Resch (*1880, †1939), christlichsozialer Politiker, 1919/1920 Unterstaatssekretär im Staatsamt
für soziale Verwaltung, später (bis 1933) Sozialminister ; http://aeiou.iicm.tugraz.at/aeiou.encyclop.r/
r520761.htm (Abfrage : 16.9.2011).
82 Die konstituierende Sitzung fand am 25.8.1919 im christlichsozialen Arbeiterverein Wien VII statt ; Ver-
einssitz war in Wien IV, Große Neugasse 8 ; AT-OeStA/AdR BKA BKA-I BPDion Wien VB, VIII
2864 (Reichsbund der Kriegsopfer Österreichs), RB an PDion v. 27.8.1919.
83 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1366, 11835/1919.
84 Präsident des am 25.8.1919 gegründeten christlichsozialen Kriegsbeschädigtenverbandes war Major
Theodor Pohanka, der auch dem Verband christlicher Heimkehrer und Invaliden schon vorgestanden war ;
ebd., Kt. 1559, Sa 44. Organ der neuen Vereinigung wurde die Zeitung Soldat und Volk, die nun den
neuen Namen Neues Leben. Zeitschrift für Heimkehrer, Invalide, Kriegerwitwen und -waisen erhielt und
schon vom Verband christlicher Heimkehrer und Invaliden als Verbandsorgan benutzt worden war ; dessen
Gründung hatte im März 1919 dazu geführt, dass die Zeitung sich seit damals im Untertitel „Offizielles
Organ der christlichen Heimkehrer und Invaliden“ nannte ; Neues Leben, Nr. 12 v. 21.3.1919 ; Nr. 22
v. 15.8.1919. Zur konstituierenden Versammlung des Verbands christlicher [Heimkehrer,] Kriegsinvalider,
Kriegerwitwen und -waisen Deutschösterreichs vgl. auch ebd., Nr. 24 v. 1.10.1919, S. 5. Der neue – auf
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918