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295Aufruhr
und Beruhigung : Drei Beispiele
Bankkurs, kaufmännisch-gewerbliche Kurse, Spezialkurse für Versicherungsträger, Maschin-
schreiben, Stenographie, Schönschreiben und die Musikschule. Die Verwaltung der Schulen
ist auf breitester demokratischer Grundlage aufgebaut.
Diese Aufmunterung wird hoffentlich genügen, um recht vielen Kriegsbeschädigten, die
bisher keinen Entschluß wegen ihrer Zukunft fassen konnten, den Weg zum Glücke neuer
Selbständigkeit zu weisen.“196
Obwohl also die nicht-militärische Führung der Anlage – wie sie der Zentralverband
gefordert hatte – gewährleistet war, ging die Schülerzahl im ersten Nachkriegsjahr zu-
rück.197 Als Schule würde die Barackenstadt nicht weiter bestehen können, das wurde
1919 klar. Der Zentralverband wollte die Ressourcen aber dennoch nutzen und den
Kriegsbeschädigten in neuer Art und Weise zukommen lassen. In gewisser Hinsicht
stand für ihn außer Frage, dass die Invalidenschulen den Kriegsbeschädigten nicht nur
dienen, sondern ihnen auch gehören sollten. Zu diesem Zweck wollte er eine Produk-
tivgenossenschaft gründen, die dann die Schulen übernehmen und als Betrieb wei-
terführen sollte.198 Geplant war dabei letztlich, eine Form der Betriebssozialisierung
umzusetzen.199 In dieser Frage wurde der Zentralverband von den Staatsstellen unter-
stützt, die spätestens seit Anfang 1920 einen Abbau der Invalidenschulen anstrebten
und daher eine „Stabilisierung der Invalidenschulen, insbesondere auf genossenschaft-
licher Grundlage“200 begrüßten. Darüber, ob und wie eine solche Ablösung der vom
Staat getragenen Invalidenschulen durch eine sich selbst erhaltende Genossenschaft
durchführbar war, wurde im Sommer 1920 zwischen den beteiligten Staatsämtern viel
diskutiert.201 War es möglich, dass eine Genossenschaft einer bestimmten Anzahl von
Kriegsbeschädigten eine dauerhafte Existenzgrundlage bot und zugleich die – wenn
auch als Auslaufmodell begriffene – Schulung nachrückender Kriegsbeschädigter (so-
wie verkrüppelter Kinder, wie das Hans Spitzy vehement forderte) übernahm und bei
196 „Die Invalidenschulen suchen Schüler. Die Kriegsbeschädigten melden sich nicht“, in : Große Ös-
terreichische Volkszeitung v. 27.6.1919, S. 4f. Auch die Zeitung des Zentralverbandes warb für die
Invalidenschulen ; Der Invalide, Nr. 4 v. 15.2.1919, S. 4.
197 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1372, 9657/1920. Im Schuljahr 1918/1919 besuchten 1.000 Kriegs-
beschädigte die Invalidenschulen.
198 Ebd., Kt. 1403, 19472/1922. Der Plan existierte seit Dezember 1918 ; ebd., Kt. 1403, 19472/1922, Vo-
rakt 12994/1920, [Hollitscher], Expose betreffend die Vergenossenschaftung der : „Oe. INVALIDEN-
SCHULEN“ Wien X. Schleiergasse. Diesen Pan vertrat Hollitscher auch in seiner Rede bei der ersten
Generalversammlung der Wiener Ortsgruppe des Zentralverbandes am 9.2.1919 ; Der Invalide, Nr. 4 v.
15.2.1919, S. 6.
199 Ebd., Nr. 5 v. 1.3.1919, S. 1.
200 Z. B. AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1401, 16574/1922, Akt v. 16.4.1921.
201 Vor allem ebd., Kt. 1403, 19472/1922.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918