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Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
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331Das Verfahren beschränkt, da sie durch Vorbereitungsarbeiten für die 1920 anstehende Volkszählung weitgehend ausgelastet waren. Die Suche nach einer Alternative ließ schließlich die Idee aufkommen, statt der Bezirksämter einen großen Saal im Wiener Rathaus, die sogenannte Volkshalle, vorübergehend zur „Expositur“ des Invalidenamtes zu machen. Zusätzlich wollte der Magistrat auch einige Beamte zur Verfügung stellen, die das Personal des Invalidenamtes bei der Ausbezahlung der Vorschüsse unterstützen soll- ten.23 Tatsächlich versahen in der Folge insgesamt 80 Beamte von Montag bis Freitag vormittags ihren Dienst in der Volkshalle und betreuten durchschnittlich ca. 1.000 Personen pro Tag.24 Die Aktion gestaltete sich nervenaufreibend. Da die Volkshalle an den Nachmittagen für andere Zwecke genutzt wurde, mussten nämlich täglich „die gesamten für den vormittägigen Amtsbetrieb erforderlichen Möbel, Dienststücke und Behelfe […] hinausgeräumt und diese am nächsten Tag dann wieder für den Amtsbetrieb zurückgebracht werden […]. Da oft schon um 3 Uhr Nachmittag Versammlungen in der Volkshalle beginnen, so muss das Ausräumen der Volkshalle immer mit einer gewissen Hast durchgeführt werden ; oft sind noch einzelne Kriegsbeschädigte[,] die zu spät gekommen sind[,] anwesend und andererseits beschweren sich die Teilnehmer an den nachmittägigen Versammlungen darüber, dass ihnen der Zutritt zur Volkshalle erschwert wird.“25 Es sollte nicht lange dauern, bis erste Gerüchte über den widerrechtlichen bzw. mehr- fachen Bezug von Vorschusszahlungen kursierten, bis über gefälschte Formulare ge- munkelt wurde und über Ärzte, die MdE-Bescheinigungen ohne vorherige medizini- sche Begutachtung ausstellten ; ebenso tauchten Vermutungen auf, das von der Stadt Wien zur Verfügung gestellte Personal würde von den Geldern etwas abzweigen.26 Es ist kaum möglich, zu beurteilen, welche der Vorwürfe tatsächlich berechtigt waren, das Chaos dieser ersten Monate bot aber zweifellos ideale Voraussetzungen dafür, sich Geldleistungen zu erschleichen oder auch auf andere Weise von den Zahlungen zu profitieren. Beamte des Staatsamtes kamen in einer Einschätzung der Ereignisse rück- blickend zum Schluss, dass die Unregelmäßigkeiten vor allem darauf zurückzuführen waren, dass nicht damit habe gerechnet werden können, dass „die Vorschussaktion 23 Ebd. 24 Fahringer/Büsch/Liebl, Kriegsbeschädigtenfürsorge, S.  74. 25 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1384, 13931/1921, Wiener Magistrat/Abteilung XXII an StAfsV v. 13.11.1919. 26 Ebd., Kt. 1384, 13931/1921 ; dem Akt liegt u. a. das Protokoll der Aussage eines Kriegsbeschädigten vor dem stellvertretenden Sektionschef Hock bei, in dem Ersterer die Beobachtung derartiger Missstände behauptet. Weiters befindet sich ein Zeitungsausschnitt im Akt, es ist ein Artikel mit dem Titel „Heu- rigenfahrten mit erschwindelten Invalidenrenten“.
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Die Wundes des Staates Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Die Wundes des Staates
Untertitel
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Autoren
Verena Pawlowsky
Harald Wendelin
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2015
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC 3.0
ISBN
978-3-205-79598-8
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
586
Kategorien
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