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331Das
Verfahren
beschränkt, da sie durch Vorbereitungsarbeiten für die 1920 anstehende Volkszählung
weitgehend ausgelastet waren. Die Suche nach einer Alternative ließ schließlich die
Idee aufkommen, statt der Bezirksämter einen großen Saal im Wiener Rathaus, die
sogenannte Volkshalle, vorübergehend zur „Expositur“ des Invalidenamtes zu machen.
Zusätzlich wollte der Magistrat auch einige Beamte zur Verfügung stellen, die das
Personal des Invalidenamtes bei der Ausbezahlung der Vorschüsse unterstützen soll-
ten.23 Tatsächlich versahen in der Folge insgesamt 80 Beamte von Montag bis Freitag
vormittags ihren Dienst in der Volkshalle und betreuten durchschnittlich ca. 1.000
Personen pro Tag.24 Die Aktion gestaltete sich nervenaufreibend. Da die Volkshalle an
den Nachmittagen für andere Zwecke genutzt wurde, mussten nämlich täglich
„die gesamten für den vormittägigen Amtsbetrieb erforderlichen Möbel, Dienststücke und
Behelfe […] hinausgeräumt und diese am nächsten Tag dann wieder für den Amtsbetrieb
zurückgebracht werden […]. Da oft schon um 3 Uhr Nachmittag Versammlungen in der
Volkshalle beginnen, so muss das Ausräumen der Volkshalle immer mit einer gewissen Hast
durchgeführt werden ; oft sind noch einzelne Kriegsbeschädigte[,] die zu spät gekommen
sind[,] anwesend und andererseits beschweren sich die Teilnehmer an den nachmittägigen
Versammlungen darüber, dass ihnen der Zutritt zur Volkshalle erschwert wird.“25
Es sollte nicht lange dauern, bis erste Gerüchte über den widerrechtlichen bzw. mehr-
fachen Bezug von Vorschusszahlungen kursierten, bis über gefälschte Formulare ge-
munkelt wurde und über Ärzte, die MdE-Bescheinigungen ohne vorherige medizini-
sche Begutachtung ausstellten ; ebenso tauchten Vermutungen auf, das von der Stadt
Wien zur Verfügung gestellte Personal würde von den Geldern etwas abzweigen.26 Es
ist kaum möglich, zu beurteilen, welche der Vorwürfe tatsächlich berechtigt waren, das
Chaos dieser ersten Monate bot aber zweifellos ideale Voraussetzungen dafür, sich
Geldleistungen zu erschleichen oder auch auf andere Weise von den Zahlungen zu
profitieren. Beamte des Staatsamtes kamen in einer Einschätzung der Ereignisse rück-
blickend zum Schluss, dass die Unregelmäßigkeiten vor allem darauf zurückzuführen
waren, dass nicht damit habe gerechnet werden können, dass „die Vorschussaktion
23 Ebd.
24 Fahringer/Büsch/Liebl, Kriegsbeschädigtenfürsorge, S. 74.
25 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1384, 13931/1921, Wiener Magistrat/Abteilung XXII an StAfsV v.
13.11.1919.
26 Ebd., Kt. 1384, 13931/1921 ; dem Akt liegt u. a. das Protokoll der Aussage eines Kriegsbeschädigten vor
dem stellvertretenden Sektionschef Hock bei, in dem Ersterer die Beobachtung derartiger Missstände
behauptet. Weiters befindet sich ein Zeitungsausschnitt im Akt, es ist ein Artikel mit dem Titel „Heu-
rigenfahrten mit erschwindelten Invalidenrenten“.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918