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420 Maßnahmen zur beruflichen Reintegration
wichtige Aufgabe, folgten die praktischen Einwände. Als Hauptargument wurde da-
bei immer ins Treffen geführt, dass für die Unterstützung der Kriegsbeschädigten ei-
gentlich der Staat zuständig sei : „So unbestritten die Verpflichtung ist, jene Personen,
welche im Kampfe für die Allgemeinheit eine Minderung ihrer Erwerbsfähigkeiten
erlitten haben, zu unterstützen, so klar ist andererseits, dass hiefür billigerweise eben
die Allgemeinheit, der Staat aufzukommen hätte“,133 schrieb etwa die Handels- und
Gewerbekammer Leoben. Man solle doch besser eine Invalidenfürsorgesteuer einhe-
ben und die Renten erhöhen, meinte der Wirtschaftsverband der Sensen- und Sichel-
Erzeuger.134 Viele ergänzten dieses Argument noch um die Beanstandung des hohen
Verwaltungsaufwandes. Freilich versteckte sich in der allgemein formulierten Kritik
häufig einfach eine Missbilligung der Kompetenzverteilung. Die Einbeziehung der
Invalidenentschädigungskommissionen, in denen die Kriegsbeschädigten ein starkes
Mitspracherecht hatten, war unbeliebt ;135 viele wünschten überhaupt den Wegfall der
dort geplanten Einstellungsausschüsse und meinten, dass die Industriellen Bezirks-
kommissionen deren Aufgaben übernehmen könnten.136 Der Verband kriegsbeschädigter
Intellektueller malte ein trostloses Bild an die Wand : Einerseits würde die Umsetzung
der Regelung die eben erst in Schwung kommende Wirtschaft drosseln, andererseits
würden aber auch die Kriegsbeschädigten nicht profitieren, da sich ihre Erwerbsmin-
derung, während sie unter Gesunden arbeiteten, verstärken würde : „Rechtfertigt das
den ganzen Apparat, wo viel einfacher und für die Allgemeinheit billiger die ausrei-
chende Rentenversorgung der ausgesprochen Unterwertigen ist ?“137
War es hier die vermeintliche Sorge um die Kriegsbeschädigten, um eine in der
Konfrontation mit den voll leistungsfähigen Kollegen offenbar schlagend werdende
„sekundäre Charakterveränderung der Krüppel“,138 so gab es anderswo die Befürchtung,
dass die „bekannt radikale Gesinnung der meisten Kriegsbeschädigten einen nachtei-
ligen Einfluß auf den […] Arbeitswillen der übrigen Arbeiterschaft üben würde“.139
133 Ebd., Kt. 1572, Sa 146, 13994/1920, Handels- und Gewerbekammer Leoben an StAfsV v. 15.4.1920.
134 Ebd., Kt. 1572, Sa 146, 8493/1920, Wirtschaftsverband der Sensen- und Sichel-Erzeuger v. 10.3.1920.
135 Ebd., Kt. 1572, Sa 146, 13994/1920, Handels- und Gewerbekammer Leoben an StAfsV v. 15.4.1920.
136 Ebd., Kt. 1572, Sa 146, 23597/1920, Steiermärkische LR v. 11.8.1920 ; ebd., Kt. 1572, Sa 146,
25025/1920, Hauptverband der Industrie Deutsch-Österreichs v. 1.9.1920.
137 Ebd., Kt. 1572, Sa 146, 8493/1920, Verb/Int v. März 1920. Ähnlich argumentierte auch die IBK Wien ;
ebd., Kt. 1572, Sa 146, 8878/1920, IBK Wien v. 18.3.1920.
138 Ebd., Kt. 1572, Sa 146, 8493/1920, Verb/Int v. März 1920.
139 Ebd., Kt. 1572, Sa 146, 8493/1920, Wirtschaftsverband der Sensen- und Sichel-Erzeuger v. 10.3.1920.
Beide Argumente – jenes der sich verstärkenden Erwerbsminderung wie jenes der Radikalisierung – griff
übrigens auch die Sektion IV im Staatsamt auf : „Diese Arbeitskraft wird also regelmässig um mindestens
40 % weniger leisten als der vollwertige Arbeiter ; der gesicherte Anspruch auf die Beschäftigung wird diese
Leistungsfähigkeit noch weiter herabdrücken, da eine Entlassung vom Unternehmer, schon mit Rücksicht
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918