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bis 1934
Gesellschaft er sich begab ?“39), verwandelte sich sehr rasch in erbitterte Ablehnung.
Der christlichsoziale Verein war erstmals keine Abspaltung oder unbedeutende Ge-
gengruppierung, sondern er deckte neben dem Zentralverband tatsächlich ein ande-
res – und in Österreich nicht unwichtiges – Spektrum der politischen Landschaft ab.
Um die drohende Abwanderung von Mitgliedern zum christlichsozialen Verband
und zur damals noch hochaktiven Reichsvereinigung (dem ehemaligen Zentralrat) zu
verhindern, beschlossen die Zentralverbands-Landesorganisationen Wien und Nieder-
österreich, eine gemeinsame Propagandaabteilung einzurichten.40 Der von den beiden
Konkurrenzvereinen rege betriebenen Agitation sollte wirkungsvoll entgegengetreten
werden, was umso wichtiger erschien, als der Zentralverband seit der Übernahme der
Regierungsgeschäfte durch die Christlichsozialen im Oktober 1920 eine Bevorzugung
der bürgerlichen Kriegsbeschädigtenorganisationen zu verspüren meinte.41
Die Konfliktlinien verliefen von nun an vor allem zwischen dem Zentralverband
und dem von diesem abschätzig als „vollständig bedeutungslose Scheinorganisation“42
oder kurz als „Drexel-Verband“ bezeichneten christlichsozialen Reichsverband christli-
cher Kriegsinvalider, Kriegerwitwen, -waisen und Heimkehrer Österreichs,43 der sich
– wie
erwähnt – 1924 in Reichsbund der Kriegsopfer Österreichs umbenannte. Der Zentralver-
band musste sich seit Mitte der 1920er-Jahre intensiver als zuvor mit dem „Wieder-
erstarken der Reaktion“ beschäftigen, und dieses fand seinen Ausdruck eben nicht
nur in der „Abbröckelung des sozialen Schutzes, der Verwässerung der zugunsten der
Kriegsopfer erlassenen Gesetze“ – so die Worte des Wiener Zentralverbands-Obman-
nes Maximilian Brandeisz44
–, sondern auch in einer Konjunktur des christlichsozialen
Konkurrenzvereines, der tatsächlich verstärkten Zulauf verzeichnen konnte. Seit 1925
verfügte der Reichsbund über eine eigene, von da an bis Anfang 1936 durchgängig
39 Ebd.
40 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1385, 15906/1921, Rechenschaftsbericht des Landesverbandes Nie-
derösterreich (über den Zeitraum August 1920 bis Mai 1921). Es gab schon zuvor eine Propagandaab-
teilung ; Rupert Kainradl, Der Reichsdelegiertentag, in : Nachrichten Zentralverband, Nr. 5–6, S. 1–16,
hier S. 5. Vgl. auch Landesverband Wien (Hg.), Handbuch, Wien 1921, S. 8.
41 „Aus der Nationalversammlung“, in : Der Invalide, Nr. 2 v. 15.2.1922, S.
1f (der Beitrag enthält eine Rede
des Abgeordneten Anton Hölzl in der Budgetdebatte des Parlaments).
42 „Roßtäuscherkunststücke der Drexelorganisation. Schwerer Amtsmißbrauch in den Pfarrämtern“, in :
ebd., Nr. 2 v. 28.2.1925, S. 3 (der Beitrag enthält einen Artikel der Arbeiter-Zeitung).
43 Zu den Polemiken gegen den „Drexel-Verband“ z. B. „Perfidie des Drexelverbandes“, in : ebd., Nr. 9 v.
30.9.1925, S. 2f.
44 Alle Zitate aus Maximilian Brandeisz, Zehn Jahre Organisation – Zehn Jahre Republik, in : ebd., Nr. 11
v. November 1928, S. 1f, hier S. 1.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918