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bis 1934
derungen.85 Es offenbart sich hier ein generell sehr verschiedenes Verständnis vom
Staat und seinen Aufgaben.
13.1.3.3 Antisemitismus versus Internationalismus
Auch der Antisemitismus spielte eine wichtige Rolle in den Streitigkeiten zwischen
dem deklariert christlichsozialen Verband und seinem der Sozialdemokratie naheste-
henden Gegenstück. Wenn der Antisemitismus von den Vertretern des Reichsbundes
auch nicht mehr derart aggressiv vorgetragen wurde wie von Major Pohanka, der den
Vorgängerverband geleitet hatte,86 so war er für die Linie des Vereines doch nach
wie vor prägend. Die Tatsache, dass die Führung des Zentralverbandes in der Hand
von Personen mit jüdischen Wurzeln lag (Maximilian Brandeisz87, Hans Hirsch88
und – glaubt man der Reichsbund-Polemik – auch Hans A. Wolfmüller89), bot dem
Reichsbund wiederholt willkommenen Anlass für ausfällige Attacken, in denen sich
Antisemitismus in altbewährter Weise mit Antibolschewismus und Vorwürfen diver-
ser illegaler wirtschaftlicher Machenschaften mischte. Der gegnerische Verein wurde
generell gern mit dem Attribut „jüdisch-kommunistisch“90 versehen.
Einen Höhepunkt erreichten die persönlichen Diffamierungen, als der Reichsbund
Ende 1926 einen Artikel der Burgenländischen Heimat. Wochenblatt für das christliche
Volk in gekürzter Form wiedergab,91 in dem darüber Klage geführt wurde, dass die
österreichischen Invaliden auf dem internationalen Parkett durch drei Juden vertreten
seien. Es ging dabei um das Engagement von Maximilian Brandeisz, Hans Hirsch
und O. Stein in der CIAMAC und im Internationalen Arbeitsamt, dem Sekretariat der
85 AT-OeStA/AdR BKA BKA-I BPDion Wien VB, VIII 2648 (Zentralverband der Landesorganisatio-
nen der Kriegsinvaliden und Kriegershinterbliebenen Österreichs), Statuten.
86 Z. B. Pohankas Rede bei der Konstituierung des Verbandes im Jahr 1919, zit. in AT-OeStA/AdR BKA
BKA-I BPDion Wien VB, VIII 2864 (Reichsbund der Kriegsopfer Österreichs), „Die konstituierende
Versammlung des Verbandes christlicher Kriegsinvalider“, in : Der Telegraf. Deutsches Volksblatt v. 30.8.
1919, S. 4 (Zeitungsausschnitt).
87 Vgl. die biografischen Daten in diesem Kapitel weiter vorne.
88 Vgl. die biografischen Daten in diesem Kapitel weiter hinten und Kapitel 9.1.2.1.
89 Hans Arnold Wolfmüller (*1896 in Hardegg/Steiermark), nach Wien zuständig, wurde in den Akten
als katholisch geführt ; AT-OeStA/AdR BKA BKA-I BPDion Wien VB, VIII 2648/1 (Landesver-
band für Wien, Niederösterreich und Burgenland des Zentralverbandes der Landesorganisationen der
Kriegsinvaliden und Kriegerhinterbliebenen Österreichs), BPDion Wien an Wiener Magistrat/Abt. 44
v. 3.12.1930.
90 Z. B. „Bauernfängerei“, in : Oesterreichs Kriegsopfer, Nr. 10 v. 15.11.1925, S. 5 ; exemplarisch „Eine echt
jüdische Frechheit“, in : ebd., Nr. 3 v. März 1928, S.
6 ; „Der Zentralverband als Schrittmacher des Juden-
tums“, in : ebd., Nr. 3 v. März 1926, S. 5.
91 „Drei Juden als Vertreter der österreichischen Invaliden“, in : ebd., Nr. 10 v. Oktober 1926, S. 7.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918