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456 Von der Offensive in die Defensive
– Der Zentralverband 1923 – 1938
keine Eröffnungsbilanz gelegt, der Kriegsopferverband war ganz ohne Kenntnis der
Finanzlage und begann die neue Ära dennoch sofort mit großen Ausgaben : Mondäne
Räume direkt hinter dem Wiener Rathaus wurden angemietet,155 neue Büromöbel,
Druckmaschinen sowie Autos angeschafft und 50 Personen neu angestellt.156
Der Verband verfügte vom Mai 1934 an mit der Österreichischen Kriegsopfer-
zeitung über ein eigenes Organ. Ein neues Logo (Krücke mit Stahlhelm, Lorbeer
und Eichenlaub) veranschaulichte die Umorientierung auch in der Symbolik :157 Die
Kriegsbeschädigten wurden gleichsam in den Soldatenstand „zurückgeholt“. Die
betont antimilitaristische und pazifistische Ausrichtung des ehemaligen Zentralver-
bandes – ein essenzieller Bestandteil seiner Programmatik war ja die Ablehnung alles
dessen, was dem militärischen Bereich entstammte – gehörte der Vergangenheit an.
Eine Remilitarisierung griff Platz. Und diese zeigte sich nicht nur in der Hinwendung
zu soldatischen Tugenden und der Neubewertung dieser Eigenschaften,158 sondern
auch
– und gerade
– in der Zusammensetzung der neuen Führungsriege, die mehrheit-
lich dem aktiven Offiziersstand angehörte. Die neue Leitung rekrutierte sich nämlich
–
zum Unmut auch des Reichsbundes159 – aus dem ehemaligen Verband kriegsbeschädig-
ter Intellektueller.160 Nachdem Fey den Funktionären dieses Vereins eine privilegierte
Stellung in der Organisation versprochen hatte, begrüßte der Intellektuellen-Verband
697, 38A-1 1 (Einheitsverband der Kriegsopfer Österreichs), Bericht über die bei der Bundesgruppe
der Kriegsblinden im Einheitsverband der Kriegsopfer Österreichs, Wien durchgeführte Revision, v.
14.10.1938 ; ebd., Schreiben an Haueisen v. 11.6.1938, S. 2 ; zum Stillhaltekommissar siehe Verena
Pawlowsky/Edith Leisch-Prost/Christian Klösch, Vereine im Nationalsozialismus. Vermögensentzug
durch den Stillhaltekommissar für Vereine, Organisationen und Verbände und Aspekte der Restitution
in Österreich nach 1945 (= Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission. Vermö-
gensentzug während der NS-Zeit sowie Rückstellungen und Entschädigungen seit 1945 in Österreich
21/1), Wien-München 2004.
155 Ab Juli 1934 residierte der Verband in einem Haus der Städtischen Versicherungsanstalt in Wien VIII,
Friedrich Schmidt-Platz 5 ; AT-OeStA/AdR BKA BKA-I BPDion Wien VB, VIII 2648/1 (Landes-
verband für Wien, Niederösterreich und Burgenland des Zentralverbandes der Landesorganisationen
der Kriegsinvaliden und Kriegerhinterbliebenen Österreichs).
156 MRP 1032/7 v. 19.6.1936, in : Protokolle des Ministerrates der Ersten Republik, Abteilung IX, Bd. 5,
S. 249–256, hier S. 250.
157 Österreichische Kriegsopfer-Zeitung.
158 Z. B. „Der neue Geist“, in : ebd., Nr. 7 v. Dezember 1934, S. 1f. Dazu passte gewissermaßen auch, dass
sich die in der Österreichischen Kriegsopfer-Zeitung geschaltete Werbung auffallend intensiv mit di-
versen Heilsversprechen beschäftigte. Wundermittel gegen Nervosität (z. B. ebd., Nr. 10 v. Oktober
1935. S. 7), Gratishoroskope (z. B. ebd., Nr. 12 v. Dezember 1935, S. 9) und andere esoterische Wege
„zur Gesundheit und zum Glück“ (z. B. ebd., Nr. 10 v. Oktober 1935, S. 11) suchten ihre Klientel.
159 „Zur Steuer der Wahrheit“, in : Oesterreichs Kriegsopfer, Nr. 6/7 v. Juni/Juli 1935, S. 8.
160 „An unsere Mitglieder !“, in : Nachrichten Reichsverband, Folge 28 v. 19.5.1934, S. 1f.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918