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469Entwicklung
nach 1934
„Entmündigung“ ist ein passendes Wort für das, was vor allem die lokalen Funk-
tionäre erlebten. Auf besonderen Widerstand stieß beispielsweise die Tatsache, dass
die Ortsstellen im Einheitsverband ihrer Rechtspersönlichkeit beraubt waren. Da
nützte es nichts, dass die neue Verbandszeitung heftig um das Vertrauen der Kriegs-
beschädigten warb, dass sie auf Kritikpunkte einging und vielerlei Rechtfertigungen
unternahm, indem sie zum Beispiel betonte, dass ja der lokalen Fürsorgetätigkeit kein
Riegel vorgeschoben sei und sich die örtlichen Einrichtungen in gleicher Weise wie
früher „ausleben“241 dürften. Faktum blieb, dass die Selbstständigkeit gerade jener Un-
tergruppen, die den Mitgliedern bisher Heimat waren, verloren war.
Dass Kriegsbeschädigten zugleich verboten wurde, eigene Vereine zur Wahrung ih-
rer Interessen zu gründen, und ihnen der von oben verfügte Einheitsverband als einzige
Institution gleichsam aufgenötigt wurde, war gleichbedeutend mit der Verweigerung
des Koalitionsrechtes für diese Gruppe,242 auch wenn der neue Verbandsvorstand die
Schaffung einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft für Kriegsbeschädigte als Auf-
wertung der Kriegsbeschädigten im gesellschaftlichen Gefüge schönredete.243 Es ver-
wundert auch nicht, dass die neue Zeitung gegen die Auffassung anschreiben musste,
dass der Einheitsverband eigentlich eine Behörde bzw. der verlängerte Arm des Staates
sei. Offenbar sahen Kriegsbeschädigte in ihm absolut nicht jenen „vollen Ersatz“244
für die früheren Vereine, als der er ihnen von der Regierung angepriesen wurde. Sie
fühlten sich – wie es der Autor eines Beitrags ausdrückte – dem Staat „ausgeliefert“245
und mutmaßten sogar, dass die Einrichtung des Einheitsverbandes nichts anderes be-
zweckte, als eine Verschlechterung der Versorgungslage herbeizuführen.246
13.2.2.2 Symbolische Politik
Der Versuch des autoritären Regimes, die Kriegsopferbewegung ideologisch in den
„Ständestaat“ zu inkorporieren, geschah im Wesentlichen über eine Transformation
materieller in symbolische Politik. Das Neue dieser Politik bestand in einer stark im
Militärischen fußenden „moralischen“ Aufwertung der Kriegsbeschädigten, die Kon-
fliktpotential einerseits und staatliche Untätigkeit andererseits verdecken sollte. Ob
241 Egon von Waldstätten, An alle Kriegsopfer Österreichs !, in : ebd., Nr. 1 v. Juli 1936, S. 1f, hier S. 1.
242 Dieser Vorwurf wurde erhoben ; „Grundsätzliches zum Wesen des Einheitsverbandes“, in : ebd., Nr. 2 v.
August 1936, S. 3f.
243 Z. B. ebd.
244 Z. B. „Entstehung und Aufgaben des Einheitsverbandes“, in : Österreichische Kriegsopferzeitung/Ein-
heitsverband, Nr. 1 v. Juli 1936, S. 2f, hier S. 3.
245 Egon von Waldstätten, Kriegsopfer Oesterreichs !, in : ebd., Nr. 1 v. Jänner 1937, S. 1f, hier S. 1.
246 „Die Versorgung der Kriegsopfer in der Zukunft“, in : ebd., Nr. 1 v. Juli 1936, S. 4.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918