Seite - 470 - in Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Bild der Seite - 470 -
Text der Seite - 470 -
470 Von der Offensive in die Defensive
– Der Zentralverband 1923 – 1938
dieser Versuch letztlich als erfolgreich oder als gescheitert zu bewerten ist, lässt sich
angesichts der kurzen Zeitspanne, die dem Regime zur Verfügung stand, nicht ein-
deutig entscheiden. Man könnte aber annehmen, dass er à la longue zwangsläufig
scheitern musste, da er fundamentale Konfliktlinien, die die Kriegsopferversorgung
seit dem Ende des Ersten Weltkriegs gekennzeichnet hatten, ignorierte bzw. bewusst
verschob. Zunächst negierte der Staat
– bisher Adressat der Forderungen
– seine Rolle
als Ansprechpartner und Vis-à-vis der Gruppe ; das konnte er umso leichter tun, als
er sich auf politische Verhandlungen nicht mehr einließ und Demonstrationen und
andere demokratische Ausdrucksformen einfach verbot. Die Funktion einer Kriegs-
opferorganisation wandelte sich damit zwangsläufig ; in einer harmonisch gedachten
Gesellschaft wurde sie ihrer ursprünglichen Bestimmung verlustig ; Rechte durchzu-
setzen zählte nicht mehr zu ihren Aufgaben, denn das hätte Politisierung, Macht-
kampf und Uneinigkeit bedeutet, was ja vorgeblich alles der Vergangenheit angehörte.
„Es handelt sich nunmehr nicht darum, wirkliches oder vermeintliches Recht […] zur Gel-
tung zu bringen und durchzusetzen, wie es Aufgabe der seinerzeitigen Vereine […] war,
sondern darum, zwischen den Faktoren, die zur Fürsorge an den Kriegsopfern im Staate und
in den Ländern berufen sind und den auf die Fürsorge anspruchsberechtigten Kriegsopfern
durch verständnisvolle Mitarbeit zu vermitteln. Es handelt sich nicht um eine Interessenver-
tretung nach den Methoden eines schließlich und endlich rein politischen Machtkampfes,
sondern im Sinne der neuen Verfassung Österreichs um eine Zusammenfassung aller Kräfte
im Dienste der guten Sache“.247
Die hier postulierte „gute Sache“ konnte freilich auch Konflikte innerhalb der Gruppe
der Kriegsbeschädigten nicht gebrauchen, weshalb solche ebenfalls konsequent ge-
leugnet wurden. Und zu guter Letzt kam es auch noch zu einer Uminterpretierung der
Anliegen von Kriegsbeschädigten : Die Forderungen, die zuvor an Gesetzgeber oder
Regierung gerichtet waren, mutierten nun – wie das nächste Zitat zeigt – zu „sittlich
berechtigten Wünschen“ an ein diffuses Gegenüber. Und während sich die Forderun-
gen auf materielle Besserstellung bezogen hatten, richteten sich die Wünsche nun
vorgeblich auf symbolische Aufwertung :
„Uns einte an der Front das ‚Feldgrau‘ und so soll es im Einheitsverband auch sein. Nicht
nach Rang, Stand, Namen und Würden, sondern nach aufrichtiger, uneigennütziger Kame-
radschaft wollen wir unsere Mitgliedschaft zum Einheitsverband begründen und halten. Das
einigende Band der Pflichterfüllung im Dienste der Heimat, das uns oft zu höchsten Leis-
247 „Grundsätzliches zum Wesen des Einheitsverbandes“, in : ebd., Nr. 2 v. August 1936, S. 3f, hier S. 4.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918