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492 Statistik der Kriegsopfer
Wie schon erwähnt, stieg die Zahl der Anmeldungen für Hinterbliebenenrenten auch
von 1923 auf 1924 noch sehr kräftig an, sodass man davon ausgehen kann, dass die
Höchstzahl der in Rentenbezug stehenden Hinterbliebenen etwa Mitte der 1920er-
Jahre, also später als dies bei den Kriegsbeschädigten der Fall war, erreicht wurde. Der
erhebliche Teil der Anträge, die nach 1922 eingebracht wurden, ist auf eine
– wie oben
bereits vermutet – verhältnismäßig hohe Sterblichkeit unter den Kriegsbeschädigten
in dieser Zeit zurückzuführen. Damit korrespondiert auch die schon erläuterte, relativ
starke Verringerung der Gesamtzahl der Kriegsbeschädigten im gleichen Zeitraum
(Diagramm 1).
14.3 Die Schäden : Tuberkulose als Kriegsbeschädigung
Der bereits mehrfach erwähnte Invalidenarzt Adolf Deutsch33 publizierte im Juli
1921 im Invaliden eine Statistik der Erkrankungen und Beschädigungen, unter denen
Kriegsbeschädigte litten.34 Deutschs Darstellung basiert auf einer Auswertung von
4.000 Akten aus dem Bereich der Invalidenentschädigungskommission Wien, die bis
Ende des Jahres 1920 erledigt worden waren. Der Invalidenarzt bemerkt selbst ein-
schränkend, dass die Statistik „hauptsächlich für eine Großstadt Geltung“35 habe, da
zu dieser Zeit noch kaum Anträge aus den ländlichen Regionen Niederösterreichs
erledigt waren. Auch wenn Deutsch meint, die Zahlen seien nicht repräsentativ, was
im Übrigen nicht bewertet werden kann, sollen sie hier doch im gesamten Umfang
wiedergegeben werden (Tabelle 19), um einen Eindruck von der Bandbreite der Ver-
wundungen und Erkrankungen zu vermitteln.
Deutlich erkennbar ist an diesen Zahlen, dass – abgesehen von der Summe al-
ler Schussverletzungen, die oftmals zu nicht unmittelbar sichtbaren Lähmungen oder
Versteifungen führten (fast 40 % der Beschädigungen) – mit knapp 30 % vor allem
„Lungen- und Kehlkopfleiden“ die Ursache der Beschädigung darstellten. Gerade
diese Lungen- und Kehlkopfleiden aber bedeuteten in den meisten Fällen nichts an-
deres als Erkrankungen an Tuberkulose. Im Jahr 1929 sprach der Leiter der Inva-
lidenentschädigungskommission für Wien, Niederösterreich und Burgenland in der
Rückschau davon, dass zwei Drittel der Kriegsbeschädigten in den ersten Jahren intern
erkrankt waren und davon wiederum 60 % an Tbc litten.36 Das bedeutet, dass der
33 Vgl. Kapitel 8.5.2.
34 Der Invalide, Nr. 13/14 v. 25.7.1921, S. 2f.
35 Ebd., S. 2.
36 Fahringer/Büsch/Liebl, Kriegsbeschädigtenfürsorge, S. 84.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918