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511Zahlen
nisationsvermögen der Invalidenschaft“45 die Abwicklung von Fürsorgemaßnahmen
einfach auslagern und auf diese Weise Arbeit und Kosten sparte :
„Es wäre nicht nur umständlich und zeitraubend, sondern auch eine recht unökonomische,
den modernen Assoziationsgrundsätzen zuwiderlaufende Kräfteverschwendung, eine staat-
lich reglementierte, aus den einzelnen Invaliden als Urzellen aufzubauende Neuorganisation
der Invalidenschaft für die in Betracht kommenden Vertretungszwecke vorzukehren, statt
die bereits zur Verfügung stehenden Vereinigungen sich zu Nutze zu machen und diese ent-
sprechend an der Kommission zu beteiligen.“46
Die Vereinsfunktionäre
– vor allem jene des Zentralverbandes
– stellten zwar die politi-
sche Bedeutung der Organisation gern ins Zentrum, die Mitglieder waren aber
– zum
mehr oder weniger deutlich geäußerten Missfallen Ersterer – meist stärker an der
materiellen Funktion der Organisation interessiert. Nicht selten wählten Kriegsbe-
schädigte offenbar einen Verein aufgrund des „Angebots“ an Waren aus, das dieser
zur Verteilung brachte, um ihn dann auch wieder zu verlassen, wenn es anderswo ein
besseres Angebot gab. Es sei – wurde da geklagt – „bei den Kriegsbeschädigten leider
usuell, dass sie, wenn ein Verband etwas Lebensmittel oder Textilwaren an seine Mit-
glieder abgibt, sich immer dorthin wenden, wo gerade eine Abgabe erfolgt.“47 Nicht
Maßlosigkeit und Gier, sondern Not und Entbehrung waren freilich die Triebfedern
für solcherart strategisches Verhalten. Jedenfalls machte diese Praxis eine Mitglieder-
feststellung nicht einfacher.
Die Verteilung von Naturalien und Geldern erlaubte es den Kriegsopfervereinen
aber – so etwa die Worte der Invalidenentschädigungskommission Klagenfurt – auch,
„eine Pression auf Nichtorg[anisierte] auszuüben“. Wer nicht Mitglied eines Kriegs-
opfervereins war, ging mitunter leer aus. Das Ministerium versuchte, hier gegenzu-
steuern48 und beschloss 1921, den Stand der nicht organisierten Kriegsbeschädigten
zu erheben. Zahlenmäßig war diese Gruppe allerdings kaum erfassbar, denn die An-
meldungen auf Leistungen nach dem IEG waren noch nicht fertig abgearbeitet. Die
Einschätzungen der verschiedenen Invalidenentschädigungskommissionen ergeben
dennoch ein interessantes Bild.49 Die IEK für Wien und Niederösterreich konnte in
45 Staatsamt für soziale Verwaltung, Amtliche Nachrichten, Wien 1920, S. 35.
46 Ebd.
47 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1569, Sa 132, 5198/1921, RV an BMfsV v. 10.2.1921.
48 Ebd., Kt. 1385, 16641/1921, BMfsV an LV Wien v. 16.7.1921 ; Erlass des BMfsV an alle IEKs v. 20.7.
1922, betr. Ferienaktion für Kriegerwaisen u. Invalidenkinder (betrifft BGBl 1922/462), in : Bundesmi-
nisterium für Soziale Verwaltung, Amtliche Nachrichten, Wien 1922, S. 285f.
49 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1386, 19986/1921, Tabelle : Berücksichtigung der nichtorganisierten
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918