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516 Statistik der Kriegsopfervereine
sein, während der jeweils anderen Gruppierung vorgehalten wurde, die Auszählung
zu hintertreiben.65 In den Vereinszeitungen wurden die Anhänger darauf eingeschwo-
ren, die „richtige“ Organisation anzugeben.66 Die Zählung sollte durch die Invaliden-
entschädigungskommissionen erfolgen und am 20. April 1927 abgeschlossen sein. Sie
wurde jedoch von der Regierung zunächst mit dem Hinweis auf die am 24. April 1927
stattfindende Nationalratswahl auf den Herbst verschoben67 und schließlich ganz abge-
blasen.68 Ob wirklich die Befürchtung bestand, dass eine Auszählung der organisierten
Kriegsbeschädigten in der politisch aufgeheizten Vorwahlzeit unerwünschte Polarisie-
rungen bringen würde, oder ob die Wahl als Vorwand diente, um wieder einschlafen zu
lassen, woran die Regierung womöglich ohnehin kein besonderes Interesse hatte, bleibt
offen. Statt der Auszählung wurden im Jahr 1929 aber zumindest die Aufzeichnungen
der Wiener Mitgliederstände offiziell überprüft. Diese Überprüfung ergab eine Bestä-
tigung des schon zuvor geltenden Aufteilungsschlüssels von 66 zu 34.69
Die einzige amtliche Auszählung von Kriegsbeschädigten wurde Ende 1928 im
Burgenland durchgeführt.70 Sie ergab bei einer Beteiligung von 95 % 4.087 Zentral-
verbands-Mitglieder und 1.366 Reichsbund-Mitglieder, sodass der Verteilungsschlüssel
für dieses Bundesland auf 75 zu 25 festgesetzt wurde.71 Der Reichsbund verweigerte in
der Folge Auszählungen nach dem im Burgenland angewandten Verfahren, das sei-
65 Z. B. „Abg. Dr. Drexel läuft vor den Kriegsopfern davon. Nachdem er die Invaliden im Nationalrat verra-
ten hat, verhindert er die amtliche Feststellung der Organisationszugehörigkeit“, in : Der Invalide, Nr. 3 v.
Ende März 1927, S.
1. Der Reichsbund dürfte die Idee tatsächlich schon früher
– nämlich 1925
– gehabt
haben ; „Eine Abwehr gegen Lüge und Gemeinheit“, in : Oesterreichs Kriegsopfer, Nr. 3 v. März 1925,
S. 1 ; „Wir wollen Klarheit !“, in : ebd., Nr. 10 v. 15.11.1925, S. 1.
66 Z. B. „Rüstet zur Auszählung !“, in : Der Invalide, Nr. 2 v. 28.2.1927, S.
9 ; „Eine Zählung, wichtig für alle
Kriegsopfer !“, in : Oesterreichs Kriegsopfer, Nr. 3 v. März 1927, S. 4.
67 „Die vereitelte Auszählung. Der ‚Reichsbund‘ als Nutznießer der abgeblasenen Auszählung – Das Mi-
nisterium muß die Feststellung der Organisationsstärke doch vornehmen“, in : Der Invalide, Nr. 5/6 v.
Mai/Juni 1927, S. 3.
68 „Der ‚Reichsbund‘ bei der Erhebung der Mitgliederstände – unterlegen“, in : ebd., Nr. 12 v. Dezember
1929, S. 18.
69 Der Zentralverband berichtete nur von der Revision im eigenen Haus ; ebd.; vgl. dazu auch Wienbiblio-
thek, Tagblattarchiv, Mappe : Kriegsopferverband 1917–1932, AZ v. 9.2.1930 (Zeitungsausschnitt).
70 Sie fand im November und Dezember 1928 statt ; „Burgenländer Kriegsopfer, Achtung !“, in : Oester-
reichs Kriegsopfer, Nr. 7 v. Juli 1928, S. 7 ; „Burgenländische Kriegsopfer, Achtung ! Die amtliche Zäh-
lung kommt“, in : ebd., Nr. 8/9 v. August/September 1928, S. 1.
71 „Eine Niederlage des ‚Reichsbundes‘. Dennoch ungerechte Entscheidung gegen den Landesverband“,
in : Der Invalide, Nr. 6/7 v. Juni/Juli 1933, S. 1f ; „Der Reichsbund (Gruppe Steiermark) ein Sauhaufen
erklärt Landeshauptmann Rintelen“, in : ebd., Nr. 2 v. Februar 1930, S.
9. Ein ähnlicher Schlüssel (76 zu
24) galt 1932 in Oberösterreich ; wie er zustande kam, ist unbekannt ; „Gemeinheit – oder nur Dumm-
heit ?“, in : Der Invalide, Nr. 9 v. September 1932, S. 12f.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918