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299; ferner 310 und 312 abgedruckten
Aufsähe: „Handschriftliche Lügen und
paläographische Wahrheiten" und „Her
Palacky und der kategorische Imperativ
seiner paläographischen Moral", für deren
Verfasser, wenn es überhaupt gestatte
ist, ein Gerücht nachzusprechen, Her,
Legis - Glückselig vermuthet wird
Vornehmlich traten DobrowSky und
Kopitar gegen die Echtheit der Funde
auf, während Hanka auf seiner Seite
auch zwei Autoritäten im Gebiete der
Slavistik in den Kampf führte, nämlich
SafakikundPalacky. Dobrowsky,
Hanka's Gönner, sprach schonungslos
das Wort „Literarischer Betrug" aus, und
nach seiner Ansicht waren Hanka der
Verfasser der Interlinearversion, Hanka
und Iungmann die Dichter des Libus«
smischen Fragmentes und Linda, ein
mittelmäßiger Poet, hatte die Abschriften
geliefert. Kopitar aber ging noch weiter
und bestritt sogar die Echtheit der
Königinhofer Handschrift. In seinem
„V68)'a1iii Hpißlo85itlr ru33u»" steht
ein eigenes Capitel „Ueber die unver-
hoffte Auffindung alter böhmischer Hand'
schriften, welche einigermaßen verdächtig
sind". Kopitar weist darin vorerst die
Unechtheit mehrerer Handschriften nach
und bemerkt an einer Stelle: „Wie nun,
wenn derselbe Verdacht auch gerechtfertigt
wäre gegen gewisse Glossen (altböhmische
Glossen der Natsr vsrboruna vom Jahre
1202), ja sogar gegen die Königinhofer
Lieder, die eine außerordentliche Aehnlich«
keit haben mit früher veröffentlichten ser«
bischen Liedern, so daß man nicht ohne
Grund glaubt, sie seien eine Nachahmung
eines jetzt lebenden (rsosntis) böhmischen
Dichters?" Und in der That, wer die ser»
bischen Volkslieder und bald darnach die
Lieder der Königinhofer Handschrift gele-
sen hat, sich anbei der von Hanka aus.
v. Würzbach, biogr. Lexikon. VII. geführten glücklichen Uebersetzung der Ges-
ner'schen Idyllen erinnert, der kann sich
des Gedankens nicht erwehren, daß die
Königinhoferlieder Nachahmungen der ser.
bischen, durch die Zartheit derGesner'schen
Idylle gemilderten Dichtungen sein könn-
ten. Angrisse, wie die Dobrowsky's
und Kopitar's, konnten nicht uner-
widert bleiben; von den Gegnern wurde
nun Kopitar als Fälscher, seine hesy-
chischen Epiglossen als in einen Wiener
Codex von ihm hineingeschrieben erklart,
ein Vorgang, der im Vergeltungsrechte
seine Erklärung, aber in der Wissenschaft,
die nach Wahrheit strebt, kein Echo und
keinen Beweis fand. Safai-ik und Pa»
lacky edirten einen
starken
Quartband:
„Die ältesten Denkmäler der böhmischen
Sprache mit Facsimiles", worin sie die
alten Handschriften vertheidigten und ins«
besondere die Echtheit der Königinhofer
Handschrift in Schutz nahmen. Alle
diese Kämpfe hatten aber eine andere
nachhaltige und bedeutsame Folge: Die
Realisirung der seit Jahren, jedoch immer
vergeblich angestrebten Gründung eines
Nationalmuseums in Böhmen, welcher die
Errichtung ähnlicher Kunstsammlungen
in den anderen Provinzen des Kaiser-
staateS in kleinen Zeiträumen folgte. Im
Jahre 1818 wurde die Unterzeichnung für
diesen Plan eröffnet, der hohe böhmische
Adel nahm lebhaften Antheil daran und
in Kürze warm über 6l).00l) fl. beisam»
men; außerdem wurden höchst werthvolle
Geschenke, ganze Bibliotheken und Natu»
raliencabinete gespendet. Dobrowsky
und Graf Sternberg stellten sich an
die Spitze der Angelegenheit und Hanka
wurde zum Vorsteher der literarischen
Sammlung des Museums ernannt. Bald
nach der Gründung deS Museums, dessen
Allerhöchste Sanction 1822 erfolgte,
egann die Herausgabe der öechischen
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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Habsburg-Hartlieb, Band 7
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Habsburg-Hartlieb
- Band
- 7
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1861
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 472
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon