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leidet wurde und er also mit seiner Fa-
milie nach Dresden übersiedelte. Dort
verweilte er. bis durch den italienischen
Feldzug 4859 Oesterreich eine seiner
schönsten, doch längst nicht mehr halt-
baren Provinzen verloren, hingegen auch
den Weg gefunden hatte-, auf welchem
eS den Verlockungen der Neaction, die
es ohnehin tief genug in den Sumpf
gelockt, den Rücken kehrend, zeitgemäßen
Reformen willig den Eingang gestattete.
Als die Wahlbewegung in Wien im
Jahre 1861 statthatte, trat S. mit un-
leugbarem Erfolge als Candidat und
Redner auf. Was nun seine politische
Haltung damals wie früher anbelangt,
so war dieselbe immer eine eigenthüm-
liche, aber niemals eine consequente. Im
Kremfierer Reichstage geberdete sich, S.
durch und durch deutsch; wie er denn
vom Anbeginne, da er als publicistifcher
Schriftsteller auftrat, immer die Hege«
monie deS deutschen Geistes verfochten
hatte. Später, angesichts des Racen«
karnpfes, der sich zwischen den unter öfter«
leichischer Herrschaft stehenden Völkern
zu entspinnen begonnen hatte, war er
von dieser Ansicht zurückgekommen, hatte
dieß in seiner Schrift: „Völkereinigung.
Vorschlage zur Versöhnung der Ratio-
nalitäten Oesterreichs" auch auSgespro»
chen und diese seine Sinnesänderung
schon durch das dieser Flugschrift voran-
gesetzte Herde r'sche Axiom: „ Kein Vor»
Wurf ist drückender, als der: fremden
Nationen Unrecht gethan zu haben" von
vornhinein angedeutet. Der phantastische
Plan, den er damals gefaßt, war nichts
Geringeres, als: die gefesselten Nationa»
litäten sollten sich zu einer großen „allge»
meinen Völkeroppofition" erheben, um,
dann befreit, einen Völkercongreß zu bil>
den, der sick die Eonstitution der ver-
einigten Staaten von Nordamerika zum Muster nehme und dieses Muster" nocd
übertreffe. Dieses in Aussicht gestellte
Neu'Oesterreich soll „das wahre Kaiser«
reich" bilden! S. mag von diesen Uto-
pien nach und nach zurückgekommen sein.
denn auf anderem, wenn auch nicht
mehr auf deutschem Boden stand er zur
Zeit der 4861 ger Wahlbewegung. Als
Redner entwickelte er damals die Ver-
Hältnisse und Zustande Oesterreichs in
rückhaltloser Weise und betonte die Noth»
wendigkeit einer freisinnigen Verfassung.
Er gewann immer mehr und mehr An-
Hänger, er wurde in jenen Tagen wirklich
ein populärer Mann, wozu freilich ein
Faux-PaS seines sonstigen GesinnungS»
genoffen Dr. Ioh. N. Berg er nicht
wenig beigetragen hatte. Die Sache an
und für sich war eine abgeschmackte und
wurde von der Journalistik jener Tage
geradezu breitgeklopft. Es kann nicht
unsere Sache sein, den Scandal hier des
Breiten zu erzählen, wir begnügen unS.
für die Wißbegierigen auf die Quellen
hinzuweisen, welche die Angelegenheit in
aller Breite behandeln. Berg er und
Sch u selka, welche bis dahin als Wahl«
candidaten neben einander . gestanden,
waren plötzlich aus ihrer Stellung gerückt
worden. Beiger war gar nicht mehr
Schuselka'S Nebenbuhler, nicht mehr
Wahlcandidat, sondern Candidat von
Katzenmusiken, die ihm gebracht wurden,
und wer weiß, wie weit der Scandal
gediehen wäre. wenn die beiden Urhe«
ber desselben sich nicht selbst bei Zeiten
besonnen und Frieden gemacht hätten.
Schuselkll bot der Erste die Hand zur
Versöhnung und Beide saßen nun friedlich
nebeneinander im Landtage, aber keiner
von Beiden war damals in den Reichs«
rath gewählt worden. Schuselka hatte
um jene Zeit mit der Herausgabe einer
politischen Wochenschrift: „Die Reform"
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Schrötter-Schwicker, Band 32
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Schrötter-Schwicker
- Band
- 32
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1876
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 406
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon