Südtirol, Alto Adige - Austria-Forum : AEIOU
Südtirol#
italienisch "Alto Adige"
1948-72 amtliche deutsche Bezeichnung "Tiroler Etschland", ehemals zu Österreich, seit 1919 zu Italien gehörender Teil von Tirol südlich des Brenner; 7400 km², 422.900 Einwohner (1991). In den größeren Städten (Bozen, Meran, Brixen) italienische Bevölkerungsmehrheit, die ländliche Bevölkerung großteils mit deutscher Muttersprache (1991: 68 % deutschsprachig, 27,6 % italienischsprachig, 4,4 % ladinisch). In der Wirtschaft dominiert der Fremdenverkehr (24,8 Millionen Übernachtungen, 3,9 Millionen Gäste, davon die Hälfte aus Deutschland).
Südtirol ist Sitz einer alten und reichen Kultur. In St. Prokulus (Naturns) besitzt Südtirol die ältesten kirchlichen Fresken im deutschsprachigen Raum. Die 1972/73 freigelegten Wandgemälde im Schloss Rodeneck gelten als die ältesten Fresken profanen Inhalts in Europa. Aribo aus Obermais bei Meran verfasste um 770 die älteste deutsche Sprachkunde. Im Schloss Obermontani im Vinschgau wurde eine Niederschrift des Nibelungenlieds gefunden, und Hans Ried von Bozen zeichnete die einzige überlieferte Handschrift des Gudrunlieds auf. Walther von der Vogelweide stammt mit größter Wahrscheinlichkeit aus Lajen im Eisacktal, von wo auch Oswald von Wolkenstein herkam. Ebenso sind Michael Pacher, Paul Troger und Jakob Philipp Fallmerayer Südtiroler. Zu den bedeutendsten modernen Künstlern zählen Paul Flora und K. Plattner. Der gotische Kreuzgang von Brixen gilt als das bedeutendste Denkmal der alpenländischen Wandmalerei. Südtirol zählt über 130 Burgen und Schlösser. Daneben blühte bald eine reiche Stadtkultur auf (Meran, Sterzing, Klausen).
1920 wurde die heimatkundliche Zeitschrift "Der Schlern" gegründet. Das 1954 geschaffene Südtiroler Kulturinstitut in Bozen veranstaltet jährlich Ausstellungen, Autorenlesungen, landeskundliche und pädagogische Tagungen sowie Gastspiele ausländischer Bühnen und Orchester.
Die Ladiner sind in den 4 Dolomitentälern Gadertal, Gröden, Fassatal, und Ampezzo-Buchenstein angesiedelt und auf die 3 Provinzen Bozen, Trient und Belluno aufgeteilt.
Seit 1945 gibt es neben den italienischen Schulen in Südtirol wieder ein deutschsprachiges und auch ein italienisch-deutsch-ladinisches Schulwesen.
Geschichte#
Bis 1919 war Südtirol ein wesentlicher Bestandteil der gefürsteten Grafschaft Tirol. Entgegen den 14 Punkten Wilsons und entgegen dem Wunsch der Bevölkerung wurde durch den Friedensvertrag von Saint-Germain 1919 nicht nur das italienischsprachige Trentino, sondern auch das deutschsprachige Südtirol von Salurn bis zum Brenner Italien vereinbarungsgemäß zugesprochen. Sehr bald wurde (vor allem auf Initiative des Trentiners E. Tolomei) mit der Italianisierung des Landes begonnen (zuerst der Ortsnamen, der Schulen usw.), die nach der Machtergreifung Mussolinis (1922) besonders vorangetrieben wurde: Abschaffung der einheimischen Gemeindeverwaltungen, Einsetzung von italienischen Amtsbürgermeistern, Verbot deutschsprachiger Schulen und des deutschsprachigen Privatunterrichts, Verbot der deutschen Sprache in den Ämtern und im öffentlichen Leben, Italianisierung der Familiennamen, Verdrängung der einheimischen Volksgruppe aus den öffentlichen Stellen. Durch italienische Zuwanderung sollte die Italianisierung gefördert werden, die Zahl der Italiener stieg vor allem in den Städten stark an. 1939 schloss Hitler mit Mussolini ein Abkommen über die Umsiedlung der Südtiroler. In der durch italienische Zwangsmaßnahmen und deutsche Propaganda geförderten Option entschieden sich 213.000 Südtiroler (86 % der deutschsprachigen und ladinischen Bevölkerung) für die deutsche Staatsbürgerschaft. Bis 1943 wanderten 70.000 Südtiroler, vornehmlich unselbständig Erwerbstätige aus den Städten und Talorten, ab. Im September 1943 erfolgte die deutsche Besetzung Südtirols und der benachbarten italienischen Provinzen.
Nach Kriegsende im Mai 1945 wurde in Bozen die Südtiroler Volkspartei gegründet, die das Selbstbestimmungsrecht für Südtirol verlangte. In einer Unterschriftenaktion forderten die Südtiroler einmütig die Rückkehr zu Österreich (156.628 Unterschriften, faktisch die gesamte erwachsene bodenständige Bevölkerung). Diese Forderung wurde von Österreich auf der Pariser Friedenskonferenz vertreten, aber 1946 von den Alliierten abgelehnt. Hierauf erfolgte der Abschluss des Pariser Abkommens zwischen Österreich und Italien, das als Annex in den italienischen Friedensvertrag von 1947 aufgenommen wurde. Das Abkommen wurde besonders hinsichtlich der Autonomie nur mangelhaft erfüllt, Südtirol durch das Autonomiestatut von 1948 mit dem italienischsprachigen Trentino zu einer gemeinsamen Region zusammengeschlossen, in der die Italiener eine 5 : 2-Mehrheit besitzen; gleichzeitig kamen die zum geschlossenen deutschen Sprachgebiet gehörenden Teile der Provinz Trient an die Provinz Bozen, ebenso das "Unterland" südlich von Bozen sowie die 4 deutschen Gemeinden im oberen Nonsberg und die 2 deutschen Gemeinden des Fleimstals. Innerhalb der Region genießen die Provinzen Bozen und Trient ihrerseits eine Autonomie mit Landesregierung, Landtag und Gesetzgebungsrechten. Die Optantenfrage wurde im Wesentlichen befriedigend gelöst; bezüglich des deutschsprachigen Schulwesens, das bereits 1945 von den Alliierten wiedereingeführt worden war, wurde der Pariser Vertrag zufriedenstellend erfüllt. Doch in Sprache, öffentlicher Verwaltung, Vergabe von Volkswohnungen, Stellenbesetzung, vor allem aber in der Autonomiefrage gab es Anlass zu Beschwerden, die jedoch in Rom lange Zeit trotz der zahlreichen diplomatischen Interventionen Österreichs kein Gehör fanden. Die Verhandlungen über die Durchführung des Pariser Vertrags führten lange zu keinem Abschluss, von radikalen Südtirolaktivisten wurden Bombenanschläge verübt. Erst am 22. 11. 1969 hat die Landesversammlung der Südtiroler Volkspartei die Verhandlungsergebnisse ("Südtirol-Paket") mit knapper Mehrheit angenommen. Die Vertreter Südtirols bemühten sich von da an, die Zugeständnisse Roms in die Praxis umzusetzen. Mit der Zustimmung der Landesversammlung der SVP zur Durchführung des Südtirol-Pakets am 30. 5. 1992 und mit der Abgabe der Streitbeilegungserklärung Österreichs vor der UNO am 11. 6. 1992 fanden die Südtirolverhandlungen ihren formellen Abschluss.
Die erweiterten Autonomiebefugnisse verschafften den Südtirolern die Möglichkeit, sich auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet zu entfalten. Dabei konnten sie den Aufbau wichtiger Einrichtungen in Angriff nehmen, so die Errichtung von Museen, von Bibliotheken, von Musikkursen, einer Rundfunkanstalt für den Empfang von Sendungen aus dem deutschsprachigen Ausland und anderes mehr. Die Ausbildung von Akademikern und Fachkräften konnte durch eine effizientere Schulfürsorge gefördert werden. Dieser Wandel fand auch in der Bevölkerungsbewegung seinen Niederschlag.
Die Deutschsprachigen und die Ladiner in Südtirol sind im italienischen Parlament (Wahlen 1994) durch 3 Abgeordnete und 3 Senatoren (SVP), die Italienischsprachigen durch einen Senator (Neofaschisten = MSI/DN) vertreten; 3 Politiker aus der Provinz Bozen (SVP, Verdi/Grüne, MSI/DN) sind im Europaparlament. Im Südtiroler Landtag (Wahlen 1993) verfügen die SVP über 19 Abgeordnete und die Neofaschisten über 4, je 2 Abgeordnete besitzen die Verdi/Grünen, die Freiheitlichen, die Union für Südtirol, der Partito Popolare, je 1 Mandat die Lega Nord, der Partito Democratico della Sinistra, die Ladins und die Unione Centro. Die Neofaschisten sind mit Abstand die stärkste italienische Partei in Südtirol. Die Südtiroler Landesregierung besteht aus dem Landeshauptmann und 10 Landesräten. Den Landeshauptmann stellt die SVP (1948-55 K. Erckert, 1956-60 A. Pupp, 1960-89 S. Magnago, seit 1989 L. Durnwalder).
Kirchlich bildeten bis 1964 der nördliche Teil Südtirols bis Klausen sowie der Obervinschgau und das Gebiet um Ampezzo-Buchenstein das Bistum Brixen, zu dem bis 1925 auch der größte Teil von Nordtirol und Vorarlberg gehörten, während das untere Eisacktal und das Etschtal mit den Städten Bozen und Meran in den Bereich des Bistums Trient fielen. 1964 wurden die deutschsprachigen Dekanate des Bistums Trient mit dem Bistum Brixen zu einem "Bistum Bozen-Brixen" vereinigt. Die Diözesangrenzen entsprechen nun den Provinzgrenzen.
Bevölkerung Südtirols#
| Jahr | Deutsch-sprachige | Italienisch-sprachige | Ladiner | andere |
|---|---|---|---|---|
| 1910 | 223.913 | 7.339 | 9.429 | 10.770 |
| 1921 | 193.271 | 27.048 | 9.910 | 24.506 |
| 1961 | 232.717 | 128.271 | 12.594 | 281 |
| 1971 | 260.351 | 137.759 | 15.456 | 475 |
| 1981 | 279.544 | 123.695 | 17.736 | 9.593 |
| 1991 | 287.503 | 116.914 | 18.434 | 17.657 |
| 2001 | 290.774 | 110.206 | 18.124 | k.A. |
Literatur:
- Südtirol in Not und Bewährung, herausgegeben von A. Ebner 1955
- J. Kögl, Der Bozner Anteil der Kirche des heiligen Vigilius im Spiegelbild der Zahlen, 1956
- A. Leidlmaier, Bevölkerung und Wirtschaft in Südtirol, 1958
- W. und E. Frodl, Kunst in Südtirol, 1960
- Südtirol, Eine Frage des europäischen Gewissens, herausgegeben von F. Huter, 1965
- M. Forcher, Tirols Geschichte in Wort und Bild, 1984
- K. Stuhlpfarrer, Umsiedlung Südtirols, 2 Bände, 1985
- J. Gelmi, Kirchengeschichte Tirols, 1986
- J. Fontana und andere, Geschichte des Landes Tirol, 4 Bände, 1985ff.
- W. Freiberg, Südtirol und der italienische Nationalismus, 2 Bände, 1989f.
- E. Baumgartner, H. Mayr und G. Mumelter, Feuernacht, 1992
- Südtirol-Handbuch, 1994
Essay#
Die Mythen der "Feuernacht"#
Vor 50 Jahren, in der Nacht auf den 12. Juni 1961, wurden in Südtirol 37 Strommasten sowie andere Einrichtungen in die Luft gesprengt. Welche Folgen das für die Südtirol-Frage hatte, ist bis heute umstritten – Versuch einer Klärung.#
Von der Wiener Zeitung (Samstag, 11. Juni 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.
Von
Rolf Steininger
In der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 1961, der sogenannten Herz-Jesu-Nacht, führte der "Befreiungsausschuss Südtirol" (BAS) seinen lange vorbereiteten großen Schlag durch: In Südtirol wurden 37 Hochspannungsmasten, zwei Hochdruckleitungen und mehrere Eisenbahnmasten gesprengt. Auf Flugblättern hieß es: "Wir fordern für Südtirol das Selbstbestimmungsrecht!" Es gab einen Toten.
Aus Sicht der Attentäter#
Diese Nacht ist als die "Feuernacht" in die Geschichte Südtirols eingegangen. Sie wurde und wird zum Teil noch – vor allem von den Attentätern selbst, aber auch von Nordtiroler Politikern – ganz im Sinne der Attentäter interpretiert. Demnach hätten die Attentate die Italiener in die Knie und zur Einsetzung jener Kommission gezwungen, die Südtirol letztlich die Autonomie brachte (die sogenannte "19er-Kommission"), die Qualität der Verhandlungen zwischen Österreich und Italien verbessert und die Welt auf das Südtirolproblem aufmerksam gemacht.
Alles zusammen genommen, ein großer Erfolg, der durch die Attentate der folgenden Jahre abgesichert worden sei. Kurz: Südtirol verdanke seine Autonomie den "Freiheitskämpfern" des Jahres 1961, deren Leiden – Folter und Gefängnis – demnach nicht umsonst gewesen seien. Noch kürzer: Mit Bomben zur Freiheit! Ein Mythos war geboren. Die Fakten sehen allerdings anders aus. Neu zugänglich gewordene, vertrauliche Dokumente sprechen nämlich eine andere, wenn auch keine besonders populäre Sprache.
"Selbstbestimmung" hieß damals: Die Rückkehr Südtirols zu Österreich. Das wollten die Attentäter, und nicht etwa Autonomie. Allerdings war von Selbstbestimmung schon bald keine Rede mehr. Warum? Weil die Attentate dafür eindeutig kontraproduktiv waren.
Selbstbestimmung war damals ein großes Thema, etwa auf den Landesversammlungen der Südtiroler Volkspartei (SVP) in den Jahren 1959 und 1960: Die SVP-Ortsobleute wollten sie. Nur mit Mühe wurde 1960 eine entsprechende Resolution von der Parteileitung verhindert.
War die Forderung nach Selbstbestimmung unrealistisch? Aus Sicht der Bundesregierung in Wien – allen voran Bundeskanzler Julius Raab und Außenminister Bruno Kreisky – jedenfalls. In Tirol gab es allerdings Stimmen, die Selbstbestimmung forderten, wobei einige bereit waren, auch Gewalt anzuwenden. In Südtirol war die Mehrheit der SVP-Führung – mit Obmann Silvius Magnago an der Spitze – massiv dagegen. Es gab aber auch dort andere Stimmen; etwa jene von Magnagos Stellvertreters Peter Brugger, der Ende 1959 einmal meinte, man solle allmählich auf die Selbstbestimmung "umstecken".
Selbstbestimmung adé#
Die einflussreiche Leiterin des Referates "S" der Tiroler Landesregierung, Viktoria Stadlmayer, gehörte zu jener Gruppe, die für Selbstbestimmung, aber gegen Gewaltanwendung war. Als die Attentäter sie noch vor den Anschlägen um Unterstützung baten, warnte sie: "Das bringt nichts, lasst die Finger davon. Man wird euch verhaften. Und was dann?" Das war in der Tat die entscheidende Frage. Stadlmayer versprach sich mehr davon, wenn Zehntausende friedlich für die Selbstbestimmung demonstrieren würden.
Fazit: Ohne Attentate wäre aus der Selbstbestimmung möglicherweise etwas geworden, mit den Attentaten war das Thema politisch definitiv erledigt, es wurde geradezu weggebombt. Die Attentäter hatten das Gegenteil von dem erreicht, was sie gewollt hatten. Ein ehemaliger Südtiroler Attentäter, Siegfried Carli, dem 1961 die Flucht nach Nordtirol gelang und der später zu 18 Jahren Haft verurteilt wurde, formulierte es Jahrzehnte später so: "Wir haben es verhackt." Genauso war es.
Die "19er-Kommission" ( Der italienische Ministerrat setzte sie am 21. September 1961 ein, um die Südtirolfrage zu prüfen und der Regierung Vorschläge zu unterbreiten, Anm. ) wird von den Attentätern bis heute direkt mit der Feuernacht in Verbindung gebracht, nach dem Motto: Ohne Anschläge keine 19er-Kommission, ohne 19er-Kommission kein "Paket" (d.h. die Autonomielösung aus dem Jahre 1969). Die Frage lautet aber zunächst: Hat Rom die Kommission auf Grund der Feuernacht eingesetzt? Und war das ernst gemeint oder nur ein taktischer Schachzug?
Scelba setzt sich durch#
Tatsache ist, dass die Feuernacht und die anschließenden Anschläge im Juli 1961 kontraproduktiv für die Haltung etlicher Mitglieder der italienischen Regierung waren. Tatsache ist auch: Schon vor der Feuernacht hatte Innenminister Mario Scelba den Südtirolern Vorschläge für ein inneritalienisches Gespräch gemacht, die gerade wegen der Attentate beinahe nicht realisiert worden wären, weil Mitglieder des italienischen Ministerkomitees den Eindruck der Schwäche in der Öffentlichkeit vermeiden wollten, der durch die Kommission ihrer Meinung nach entstanden wäre.
Der Hardliner Scelba setzte sich im Ministerrat durch. Er wollte trotz der Attentate die Kommission – als Zeichen der Stärke und als Instrument vor der UNO. Die 19er-Kommission wurde also nicht wegen, sondern trotz der Feuernacht eingesetzt! Im Ministerrat war Scelba zuvor mit seinem Vorschlag auf "harten Widerstand" gestoßen. "Ein Anderer", sagte Scelba Monate später zum österreichischen Botschafter in Rom, Max Löwenthal, "hätte sich nicht durchgesetzt." Dabei ist festzuhalten: Die Attentäter wollten alles, nur keine 19er-Kommission! Denn diese bedeutete ja das Ende jeglicher Forderungen nach Selbstbestimmung.
Mitentscheidend für Scelbas Entscheidung war noch etwas anderes: und zwar der Beschluss der österreichischen Bundesregierung, die Südtirolfrage erneut vor die UNO zu bringen. Eine ähnlich unangenehme Debatte wie ein Jahr zuvor vor der UNO wollte Italien vermeiden. Würde eine Debatte kommen, so wollte man daher auf eigene Großzügigkeit verweisen können – und das war diese Kommission. Italiens UNO-Botschafter Martino hatte seinem Minister genau das am 19. Juli empfohlen, einen Tag nach dem österreichischen UNO-Antrag. Er hatte da von "unserer entschlossenen Absicht, direkt mit den Südtirolern zu verhandeln" gesprochen, um damit die Debatte in der UNO "zu unseren Gunsten zu beeinflussen". Und genauso kam es.
In der UNO wurde die Kommission von den Italienern "ausgeschlachtet", wie Magnago das in einer Sitzung der SVP-Parteiführung später formulierte. Österreich erreichte lediglich eine Wiederholung der Resolution aus dem Vorjahr (Aufforderung zu Verhandlungen) – sonst nichts. Warum? "Weil es die 19er-Kommission gab", wie Magnago bedauernd feststellte.
Ein "Sieg Italiens"#
Diese Kommission sollte ursprünglich ihre Arbeit nach drei Monaten beendet haben, was von Italien wohl nie beabsichtigt gewesen war. Sie wurde zu einer "rein internen italienischen Angelegenheit", zu einer "Studienkommission, die ein Problem des italienischen Staates zu prüfen habe", denn Südtirol sei "kein österreichisch-italienisches Condominion" , wie Italiens Botschafter in Wien Ende 1961 klarstellte. Die Kommission befand sich in der Folgezeit ständig am Rande der Auflösung, mit der Konsequenz, die Silvius Magnago Ende 1961 intern so formulierte: Wenn keine Einigung in der Kommission erzielt werde, "stehen wir vor dem Nichts". Das war das Ergebnis des Jahres 1961.
War unter diesen Umständen diese Kommission ein Erfolg, ja sogar ein Erfolg der Feuernacht, wie es später hieß? Viktoria Stadlmayer beantwortete diese Frage Anfang 1962 in einem streng vertraulichen Memorandum so: "Die Neunzehner-Kommission und ihre positive Aufnahme in Südtirol ist kein Erfolg der Bombenpolitik, sondern ist ein Sieg Italiens." Ein Sieg, der in Innsbruck als "Niederlage" bezeichnet wurde. Neue Anschläge würden ihrer Meinung nach nicht bedeuten, "einen Misserfolg in einen Erfolg umzuwandeln, sondern eine Niederlage endgültig zu besiegeln" und "verheerend für unser weiteres Vorgehen" sein.
Hat die Feuernacht die Qualität der Gespräche zwischen Österreich und Italien verbessert? Auch ein klares Nein! Das Gegenteil war der Fall: Es gab überhaupt keine Gespräche mehr. Ende September 1963 meinte Außenminister Kreisky dazu, es stelle sich die Frage: "Wie lange kann sich Österreich dies gefallen lassen?" Die Italiener verwiesen stets auf das inneritalienische Gespräch, sprich: auf die 19er-Kommission, die sich Monat für Monat dahinschleppte.
Ein weiteres Argument lautet: Die Feuernacht habe die Welt auf das Südtirolproblem aufmerksam gemacht. Dies ist ein ganz schwaches Argument. Seit der mehrwöchigen Debatte in der UNO im Herbst 1960 kannte die Welt das Südtirolproblem. Es gab 1961 auch nur ein paar Artikel in einigen Zeitungen, nicht mehr. Im Sommer 1961 hatte die Welt mit der Berlin-Krise andere Sorgen. Der einflussreiche US-Botschafter bei der UNO, Adlai Stevenson, meinte damals, die Anschläge hätten in den USA wie bei der UNO "keinerlei Eindruck" gemacht: "Die sind stärkeren Tobak gewohnt." Der aber war damals weder in Nord- noch in Südtirol zu haben.
Die Wende in der italienischen Südtirolpolitik kam nicht durch die Feuernacht, sondern im Dezember 1963 mit der erstmaligen Bildung einer Mitte-links-Regierung in Rom. Der 47-jährige Parteisekretär der Democrazia Cristiana und Strafrechtler Aldo Moro wurde Ministerpräsident, Giuseppe Saragat Außenminister. Saragat war nicht nur Sozialdemokrat, er hatte auch ein besonders enges Verhältnis zu Österreich: Er hatte in Wien im Exil gelebt, und seine Tochter war dort zur Welt gekommen. Er und Moro hatten ein anderes Verständnis für Minderheiten im Land als die Hardliner in Rom; sie standen den Anliegen der Südtiroler positiv gegenüber – und das schon vor den Attentaten. Sie waren ernsthaft um eine Lösung der Südtirolfrage und damit auch um eine Verbesserung der Beziehungen zu Österreich bemüht.
Gespräch mit Kreisky#
Möglicherweise spielte dabei auch das Zweite Vatikanische Konzil eine Rolle, das seit Oktober 1962 tagte und die Sensibilität gegenüber Minderheiten und ihre Integration zu seinem wichtigsten Anliegen erklärt hatte.
Die ersten Schritte dieser Regierung machten jedenfalls die neue Politik mehr als deutlich. Saragat lud Kreisky sofort nach Bildung der Regierung zu einem Gespräch ein, das am 14. Dezember 1963 im Hotel Raphael in Paris stattfand. Dabei machte Saragat klar, dass seine Regierung um ein möglichst baldiges Ergebnis der 19er-Kommission bemüht sei. Man hoffe in Rom, so Saragat, dass es möglich sein werde, auf der Basis der Ergebnisse der Kommission, eine, wie er es formulierte,"‚globale‘ und ‚vollständige‘ Regelung der Südtirolfrage zu erzielen".
Und er stellte auch klar: "Keine andere italienische Regierung wird mehr als die derzeitige bereit sein, das Südtirolproblem durch entsprechend große Konzessionen, die bei weitem über das Pariser Abkommen ( d.i. das Gruber-De Gasperi-Abkommen aus dem Jahre 1946, die Grundlage des 1. Autonomiestatuts 1948, Anm. ) für Südtirol hinausgehen, zu bereinigen."
Ebenfalls im Dezember 1963 begann in Mailand der erste Südtirolprozess gegen die Feuernacht-Attentäter. Es war der größte politische Prozess der italienischen Nachkriegsgeschichte: er dauerte 94 Tage. Zum ersten Mal erfuhr die italienische Öffentlichkeit, dass es ein Südtirolproblem gab – eine unbeabsichtigte Spätfolge der Attentate.
Bedeutsamer Prozess#
Von daher kommt diesem Prozess eine ganz besondere Bedeutung zu. Aber er war auch in anderer Hinsicht bedeutsam: Die Regierung griff ein – was grundsätzlich ungesetzlich war – und ließ den Vorsitzenden des Prozesses wissen, dass sie "an milden Urteilen interessiert sei", und informierte gleichzeitig Wien von dieser Intervention – wohl auch als Zeichen für die neue Politik der Regierung. Ende 1964 waren sich Kreisky und Saragat jedenfalls einig.
Was bleibt also nach allem von der Feuernacht übrig? Es war der Beginn von Gewalt, und es gab einen Toten. Gewalt führt bekanntlich zu Gewalt – und so waren es am Ende 33 Tote. Wer wen erschossen hat, wird zur Zeit im Zusammenhang mit dem berühmten Schlussstrich unter die Ereignisse von damals – Begnadigung von Attentätern – heftig diskutiert. Es wird wohl ein Streitpunkt bleiben.
Rolf Steininger, geboren 1942, ist Em. o. Univ.-Prof. und war von 1984 bis 2010 Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck.
Literatur:
Rolf Steininger: Die Feuernacht – und was dann? Südtirol und die Bomben 1959 - 1969. Bozen 2011.
Essay#
Feuernacht 1961 #
Die folgenden Essays stammen mit freundlicher Genehmigung aus: DIE FURCHE (1. Juni 2011).
Tirol, ein National-Epos#
Das Bundesland Tirol pflegt und lebt sein Bewusstsein einer außerordentlichen historischen Rolle und Identität. Die Erhebung von 1809 schuf die Grundlage, die Feuernacht von 1961 war die Fortsetzung dieses nationalen Epos. Anlässlich des fünfzigsten Jahrestages sind in Tirol Feierlichkeiten und Gedenken angesetzt. Geboten ist aber auch eine kritische Bilanz.#
„Der zentrale Baustein für das Geschichts-Gefühl der Tiroler ist die Erhebung von 1809. Die Feuernacht im Juni 1961 war der zweite Höhepunkt“.
Von
Walter Klier
Auch aus historischen Niederlagen kann man seinen Nationalstolz beziehen; die Serben mit ihrem Amselfeld haben uns das nachhaltig demonstriert. Kleinen Völkern bleibt ja meist nichts anderes übrig. Sie haben im Lauf der Geschichte dauernd eins auf den Deckel bekommen, sonst wären sie ja nicht klein, sondern groß. Für den Nationalstolz an und für sich macht das allerdings nichts aus; denn auch anhand von Niederlagen lässt sich erzählen, wie edel, tapfer und geradezu übermenschlich man einst gewesen ist. Allerdings schleicht sich dann wegen dieser Niederlagen eine Art von säuerlichem, gesamtgeschichtlichem Beleidigtsein, ein kleinbürgerliches „Immer-geht-es-gegen-unsereinen“ in das Selbstgefühl, das die sieggewohnten Größeren weniger kennen.
Wir Tiroler sehen uns als Volk, auch wenn das unter dem postmodern-hedonistischen Schillern der globalen Gegenwartskultur normalerweise verborgen liegt. Allein in der Art, wie wir „in die Berg“ gehen, definieren wir uns als Tiroler. Und ein leises Staunen können wir lebenslang nicht darüber unterdrücken, dass auch Leute von anderswo „in die Berg“ gehen, zumal in unsere. Zur Nation haben wir es wie viele andere Kleine nie gebracht; doch die oben skizzierte Sorte Nationalstolz ist durchaus vorhanden und mangels Siegen stammt sie ganz wesentlich aus historischen Niederlagen, deren jüngste gerade fünfzig Jahre alt wird, und die Besonderheit hat, dass aus ihr über die mittlere Frist fast so etwas wie ein Sieg geworden ist – und das ganz ohne Waffengewalt.
Aufstand als Fundament der Identiät#
Der zentrale Baustein für unser Geschichts- Gefühl ist die „Erhebung Tirols im Jahre 1809“, wie das einschlägige Standardwerk betitelt ist. Der Aufstand gegen die bayerisch- französische Besatzung, anfangs erfolgreich, weil unterschätzt, wurde dann binnen Jahresfrist mit aller Härte niedergeschlagen, Andreas Hofer, der Anführer und nachmalige Nationalheld, auf persönlichen Befehl Napoleons exekutiert. Dann war, wie man in Ostdeutschland zu sagen pflegt, erstmal Ruhe im See. Auch nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft und der Rückkehr der treuen Tyroler unter die angestammte habsburgische Regierung wurde um die „Rebeller“ kein Aufhebens gemacht. Kanzler Metternich hielt es für äußerst unklug, eine derartige Aufstandsbewegung nachträglich aufzuwerten, auch wenn sie gegen die Feinde des Hauses Habsburg gerichtet gewesen war. Er fürchtete, dass es zu einer romantischen Idolisierung solcher ohne behördliche Genehmigung veranstalteten Volksaufstände und entsprechenden Aufwallungen im Volke käme.
Der schlechte Einfluss kam wie üblich aus dem Ausland. Die Engländer, die schon damals ein entspannteres Verhältnis zur Volkssouveränität hatten, waren die ersten, die den Tiroler Aufstand erwähnens- und preisenswert fanden, und wenig später folgten ihnen die damals sehr mit der Freiheit beschäftigten deutschen Intellektuellen des Vormärz. Als Heinrich Heine in Innsbruck im Goldenen Adler logierte, zeigte ihm der Wirt ganz verschämt Immermanns Andreas-Hofer-Drama und wollte dann gar nicht glauben, dass Immermann mit Heine gut bekannt und überdies – kein Tiroler sei!
Zweiter Höhepunkt der Aufstandsgeschichte#
Nachdem man sich 1848 erhoben und anschließend eines besseren belehrt worden war, gelang es, die tirolische Aufstandsgeschichte in einen anderen, nämlich den patriotisch-kaisertreuen Kontext einzuschreiben, komplett mit Heldensage, Traditionsverbänden und den nachträglich dazuerfundenen Original-Trachten, in denen die Tiroler dann 1896 auf Zeno Diemers Panoramabild der Schlacht am Bergisel gegen den Feind antreten.
Nun wird also mit überraschendem Theater- will sagen Mediendonner der sogenannten Feuernacht gedacht, dem Höhepunkt der zweiten tirolischen Aufstandsgeschichte, die durchaus nach dem Muster der ersten, der 1809er, gestrickt erscheint. Südtirol, seit 1919 zu Italien gehörig, verharrte auch in den Fünfzigerjahren, also lange nach dem Ende des Faschismus, in einem Zustand der halbkolonialen Unterdrückung und Schikanierung, der, geschichtliche Hintergründe hin oder her, im neuen demokratischen Europa nichts mehr zu suchen hatte. Den italienischen Staat kümmerte das allerdings wenig. Bezeichnenderweise gab das Jahr 1959, als man mit großen Worten die 150. Wiederkehr des ersten Aufstands feierte, den Startschuss zum zweiten. Bevor er sich, in leitender Position, mit großem Elan und dem ihm eigenen Organisationstalent an die Befreiung Südtirols machte, hatte mein lieber Vater, damals im Hauptberuf Schriftsteller, einen Roman und ein Theaterstück über 1809 verfasst. Der Roman hieß Feuer in der Nacht, und genau so etwas sollte es dann 1961 werden: ein gigantisches Feuerwerk an den Hochspannungsmasten rund um Bozen, und daraufhin sollte das süd- und nach Möglichkeit auch das nord tirolische Volk sich gegen die Welschen erheben. Die Lehre aus 1809, dass man nämlich gegen eine weit übermächtige Staatsgewalt nur gewinnen kann, wenn einem eine ebensolche andere zu Hilfe kommt, und zwar nicht vielleicht, sondern sicher, wurde im jugendlichen Überschwang von 1961 ausgeblendet. Entsprechend schlecht ging es aus. Verhaftungen, Folterungen, exzessive Gefängnisstrafen, Radikalisierung kleiner Gruppen, mehr Tote, im Endeffekt ein Desaster.
Die nationale Frage, einmal gestellt, bleibt.#
Aber – oh Wunder – die Politiker begannen zu verhandeln und verhandelten viele Jahre lang und hatten endlich etwas herausverhandelt, was „Paket“ heißt, und dem lieben Frieden zum Verwechseln ähnlich schaut. Im Großen und Ganzen ist diese Geschichte so gut ausgegangen wie keine der vergleichbaren; immerhin Nordirland erweckt den Eindruck, als würde neuerdings ein glückhaftes Auftreten von Pragmatismus bei allen beteiligten Politikern und Bevölkerungsteilen zu einem dem südtirolischen vergleichbaren Friedenszustand führen.
Freilich kann die nationale Frage, einmal in die Welt gebracht, bloß ruhiggestellt, aber kaum je wieder aus ihr hinausbefördert werden. Das hat der Kanzler Metternich genau gewusst. Bloß hat niemand auf ihn gehört. – So ist auch Südtirol, wie es heute dasteht (nämlich sehr, sehr gut), nicht vor Turbulenzen in der Zukunft gefeit. Als Anlass zu einem Streit-Neubeginn genügt dann eine kleine Hakelei über Ortstafeln – oder Wegweiser.
Walter Klier#
Zum Thema erschienen von Walter Klier der Roman „Aufrührer“ (1991), die Titelgeschichte des Bandes „Meine konspirative Kindheit und andere wahre Geschichten“ (2005), zuletzt der Roman „Leutnant Pepi zieht in den Krieg“ (2008). Der Autor lebt als Schriftsteller und Maler in Innsbruck.
Der Weg zur Feuernacht#
Mit Dutzenden Sprengstoffanschlägen machten 1961 einige Südtiroler die Welt aufmerksam auf die Lage ihres Landes in Italien: Sie wurden italianisiert statt geschützt.#
„Die Hoffnungen der Südtiroler, nach 1945 zu Österreich zurückzukehren, wurden enttäuscht. Die Politik der Italianisierung wurde fortgesetzt“.
Von
Birgit Mosser-Schuöcker
Schenna, 12. Juni 1961, 1.00 Uhr früh: Sepp Innerhofer wartet. Zwei Strommasten in Sinich sind „geladen“. Jetzt will er die Explosionen mit eigenen Augen sehen. Mit dem Fernglas im Anschlag hat er sich einen guten Aussichtspunkt gesucht und überblickt das Tal. Er wird nicht enttäuscht werden. Minuten später rollt eine Detonationswelle durch Südtirol. Der „Befreiungsausschuss Südtirol“, kurz BAS, hat zu seinem großen Schlag ausgeholt.
„Wir haben genug Schläge von den Italienern eingesteckt. Irgendwann schlägt man zurück“, sagt Sepp Innerhofer heute. Der Achtzigjährige erklärt, wie es zu den Anschlägen kam, die das Interesse der Weltöffentlichkeit auf das kleine Land Südtirol lenkten.
Italianisierung und „Todesmarsch“#
Er erzählt von der enttäuschten Hoffnung der Südtiroler, nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zu Österreich zu kommen; von den Schutzbestimmungen für die Südtiroler im Pariser Abkommen, die von Italien zwar unterschrieben, aber nicht umgesetzt worden seien. Die Italianisierungpolitik sei auch nach dem Krieg weitergegangen nur mit anderen Mitteln. „Vom Todesmarsch der Südtiroler“ ist in den fünfziger Jahren in einem Zeitungskommentar zu lesen. Es gibt Menschen in Südtirol, die das Gefühl hatten, sich wehren zu müssen.
Der „Befreiungsausschuss Südtirol (BAS)“ wird gegründet, Sepp Innerhofer ist das letzte lebende Gründungsmitglied. Der Name ist Programm: Ziel ist die Rückgliederung Südtirols an Österreich. Anfangs sind die Mittel moderat: Flugblätter werden verfasst, Briefe geschrieben, Reden gehalten.
Sigmundskron 1957: 30.000 Menschen demonstrieren gegen die italienische Herrschaft in Südtirol. Umberto Gandini, italienischer Journalist, erinnert sich noch an die aufgeheizte Atmosphäre unter den Südtirolern. Doch die Demonstration ändert nichts; viele Menschen fühlen sich ohnmächtig – einer feindseligen Staatsmacht schutzlos ausgeliefert.

Foto: © Heimatarchiv Obwegs G. u. Leitgeb G.
1961 dann die ersten Attentate auf faschistische Denkmäler. Den „Aluminium-Duce“ in Waidbruck „hat’s in tausend Fetzen zerrissen“. Das freut das Nordtiroler BAS-Mitglied Heinrich Klier noch heute. Die Scherben des Mussolini-Abbildes werden als Andenken gesammelt. „Dem Kreisky haben wir auch eine geschickt“, schmunzelt Sepp Innerhofer. Der damalige Außenminister Kreisky ist durchaus über die Aktivitäten in Südtirol informiert. Wenige Wochen zuvor hat er eine Delegation des BAS in seiner Wiener Wohnung empfangen. Da plant der BAS bereits den großen Schlag: In einer einzigen Nacht soll die Stromversorgung der oberitalienischen Industrie gekappt werden. Wenn die Hochöfen erlöschen, wäre der finanzielle Schaden riesig. „Das oberste Gebot war aber, keine Menschenleben zu gefährden“, sagt einer der Attentäter von damals.
Ein annektiertes Land#
Die BAS-Männer, allen voran ihr Anführer Sepp Kerschbaumer, hegen keinen Hass gegen ihre italienischen Mitbürger. Sie kämpfen gegen ein System, von dem sie glauben, in ihm als Volksgruppe untergehen zu müssen. Umberto Gandini, damals junger Journalist, analysiert: „Es war die typische Politik einer kolonialen Macht, würde man heute sagen. Wir waren eine Besatzungsmacht in einem Land, das aus nationalistischen und auch defensiven Zwecken annektiert worden war.“
In ihrem Kampf werden die Südtiroler von ihren Nordtiroler Kameraden unterstützt. An jenem Juni- Wochenende, das in die Tiroler Geschichte eingehen wird, fahren 30 BAS-Aktivisten mit einem Reisebus nach Verona. Die Tarnung als Kunstreise ist perfekt. Das eigentliche Ziel ist Südtirol: „Die Österreicher haben im Raum Bozen geholfen. Dort ist am meisten passiert, denn der Zweck war ja, die Industriezone lahmzulegen“, schildert Sepp Mitterhofer.
Die Polizei bekam Angst#
Doch so weit kommt es nicht: Aus technischen Gründen explodieren manche Sprengladungen nicht. Trotzdem bricht in einigen Gebieten Südtirols die Stromversorgung zusammen. Der Südtiroler Journalist Hans Karl Peterlini fasst zusammen: „Es war so geplant, daß es dauernd irgendwo krachte. Drei, vier Stunden Donnergrollen in Südtirol. Polizei und Militär waren regelrecht eingeschüchtert. Die haben sich in die Kasernen zurückgezogen, weil sie nicht wussten, was los ist, und geglaubt haben, der Krieg bricht aus.“
Ein Unfall fordert das erste Todesopfer des Südtirolkonflikts: Der Straßenwärter Giovanni Postal stirbt bei dem Versuch, eine nicht explodierte Sprengladung zu entfernen. Es wird weitere Tote geben, auf beiden Seiten.
Mit Folter haben sie nicht gerechnet#
Der Paukenschlag ist gelungen: Die Öffentlichkeit wird aufgerüttelt. Doch der Preis ist hoch: Mitte Juli 1961 rollt eine Verhaftungswelle durch das Land. In den Carabinieri-Kasernen werden die Attentäter grausam gefoltert. Sie sollen Namen nennen. Sepp Mitterhofer, einer der Gefolterten, kann jene schrecklichen Tage in den Händen der Carabinieri nicht vergessen: „Es ist unglaublich, was der Mensch aushält, es ist aber auch unglaublich, wie Menschen andere behandeln können“, sagt er heute.
Viele Südtiroler und ihre Familien haben die „Feuernacht“ schwer gebüßt, Hunderte wurden verhaftet, Dutzende wurden gefoltert und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, einige starben. Nach der „Feuernacht“ glich Südtirol einem besetzten Kriegsgebiet. Folterungen wurden mit einer Radikalisierung des Kampfes beantwortet, eklatante gerichtliche Fehlurteile führten zu Verbitterung, Hass und internationaler Kritik. Schauprozesse gegen Südtirol-Aktivisten machten eine breite – auch italienische – Öffentlichkeit mit dem Problem in der kleinen nördlichen Bergprovinz erstmals vertraut. Das offizielle Österreich reagierte doppelbödig, ermunterte die Südtiroler unverhohlen, unterstützte sie heimlich, reagierte auf internationalen Druck, distanzierte sich, ließ Mittäter verhaften und in Prozessen von Geschworenen freisprechen. Österreichs Außenminister – von Bruno Kreisky bis Kurt Waldheim – verhandelten schließlich einen tragfähigen Kompromiss, das sogenannte Paket. Vieles in Südtirol hat sich in den letzten vierzig Jahren zum Guten gewendet, darüber besteht auch unter den ehemaligen Attentätern kein Zweifel. Manche haben sich mit der politischen Lage in ihrer Heimat abgefunden, anderen ist die – in Europa als Musterautonomie geltende – Regelung nicht genug.
Sachliche Darstellung einer konfliktreichen Geschichte #
Von
Claus Reitan
Der Konflikt um das der Republik Italien zugesprochene Südtirol wird von Historikern häufig mit jenem um Nordirland verglichen. Damit sollen die Vehemenz und der Einsatz, mit denen die Auseinandersetzung geführt wird, deutlich werden.
Bereits aus Anlass des 200. Jahrestages der Erhebung Tirols im Jahr 1809 gegen die Bayern und Franzosen legte der Historiker Helmut Reinalter den Band Anno Neun 1809 – 2009 vor. Reinalter, zugleich einer der wesentlichen Demokratieforscher, lässt darin mit einem halben Dutzend Autoren die Geschichte Revue passieren. Ein Dutzend Wissenschaftler und Praktiker befassen sich dann – stets kritisch-konstruktiv – mit der Gegenwart Tirols. Die Identitätsgeschichte zeigt, dass der Freiheitsheld Andreas Hofer stets instrumentalisiert wurde – vom Nationalismus bis zum Tourismus.
Mit konkreten Ereignissen der Feuernacht des Juni 1961 befassen sich zwei Neuerscheinungen, die sich um eine sachliche Darstellung der äußerst konfliktreichen, auch heute noch emotionalisierenden Geschichte verdient machen.
Ein Stück Zeitgeschichte #
Birgit Mosser-Schuöcker absolvierte ebenso wie ihr Autorenkollege Gerhard Jelinek ein Jus-Studium, aber beide haben sich mit zeitgeschichtlichen Dokumentationen für das Fernsehen des ORF einen Namen gemacht. Mit Text- und Fotodokumenten schildern sie in Herz Jesu Feuernacht Südtirol 1961 den Weg in die Feuernacht, die Sprengungen und die Reaktion der italienischen Staatsmacht, mit der niemand in Südtirol gerechnet hat, am allerwenigsten die Attentäter. Sie brachen unter Folter zusammen, verstarben teils an deren Folgen. die Internationalisierung des Südtirol-Konfliktes war gelungen, allerdings um einen hohen Preis, wie die Recherchen und Interviews der Autoren mit betroffenen Südtirolern und mit Italienern zeigen.
Einen weiten Bogen spannt auch Hans Karl Peterlini, der mit Feuernacht. Südtirols Bombenjahre seinen bisherigen Standardwerken zum Thema ein weiteres folgen lässt. Die umfangreiche und zusammenfassende Darstellung bietet wertvolle Ergänzungen und Exkurse: Abhandlungen zur Rolle der Frauen, zur Sicht der italienischen Bevölkerung, zu den politischen Hintermännern, zur Erinnerungskultur in Wissenschaft und Literatur, wie die Edition Raetia das Werk charakterisiert.
Was bleibt? Der Preis des Kampfes ist hoch – und die Politik bleibt gefordert, ihn niedrig zu halten, besser: Frieden zu schaffen.
1. Buch: ANNO NEUN 1809–2009 Herausgeber: Helmut Reinalter 2008, 504 Seiten, Studienverlag, 29,90
2. Buch: Herz Jesu Feuernacht, Birgit Mosser-Schuöcker/Gerhard Jelinek, Tyrolia Verlag 2011, 240 Seiten, 24,95
3. Buch: Feuernacht – Südtirols Bombenjahre, Hans-Karl Peterlini, Edition Raetia 2011, 360 Seiten, 44,90
Die Abtretung des gesamten Südtirols 1919 war die Belohnung dafür, dass italien aus dem Dreibund-Vertrag austrat und 1915 auf seiten der Entente in den Krieg eintrat. Auch Hitler siedelte die deutschsprachigen Südtiroler massiv ab, um sich die Unterstützung Mussolinis zu sichern.
-- Glaubauf Karl, Dienstag, 20. Dezember 2011, 11:13















