Claudio Abbado

Claudio Abbado (* 26. Juni 1933 in Mailand) ist ein italienischer Dirigent.

Claudio Abbado 2008, Waldbühne Berlin

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Leben

Claudio Abbado ist der Sohn des Violinisten und Musiklehrers Michelangelo Abbado, seine Mutter, Maria Carmela Savagnone, war Klavierlehrerin und Kinderbuchautorin. Bei seinem Vater studierte er zunächst Klavierspiel. Mit 16 Jahren begann er in Mailand ein Studium in Klavier, Komposition, Harmonielehre, Kontrapunkt und später erst Orchesterleitung. Außerdem belegte er einen Literaturkurs beim späteren Nobelpreisträger Salvatore Quasimodo. Als jugendlicher Organist arbeitete er intensiv an Johann Sebastian Bachs Werken, bei einem Hauskonzert spielte er 1952 Toscanini Bachs d-Moll-Konzert vor. 1953 schloss er sein Studium in Mailand ab und tourte mit verschiedenen Kammermusikensembles – Grundlage für sein späteres Musizieren. „Es ist wie ein Gespräch, bei dem man nicht nur aufmerksam lauscht, sondern auf den anderen eingeht und versucht, auch das Unausgesprochene, Gefühle und Gedanken zu erfassen.“ Bei einem Dirigierkurs in Siena lernte Abbado den elfjährigen Daniel Barenboim und Zubin Mehta kennen, dieser vermittelte ihn zum weiteren Studium an Hans Swarowsky nach Wien. 1958 gewann Claudio Abbado den Kussewitzky-Preis für Dirigenten in Tanglewood. Abbado legte es jedoch noch nicht auf die große Karriere an, er nahm erst einmal einen Lehrauftrag für Kammermusik in Parma an. Zudem leitete er in Triest mit Die Liebe zu den drei Orangen von Prokofjew seine erste Opernaufführung. Ab 1961 dirigierte er regelmäßig an der Mailänder Scala. 1963 gewann Abbado den ersten Preis beim Mitropoulos-Wettbewerb (New York): zum Preis gehörte eine fünfmonatige Assistenzzeit bei Leonard Bernstein, dem damaligen Chefdirigenten der New Yorker Philharmoniker. In diese Zeit fielen auch die ersten Einladungen zum Radio-Symphonie-Orchester Berlin und den Wiener Philharmonikern.

Mit diesen debütierte er 1965 bei den Salzburger Festspielen. Auf dem Programm stand Gustav Mahlers zweite Sinfonie. Außerdem wurden erste Schallplattenaufnahmen mit ihm gemacht. 1966 kam es zu einer ersten Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern, 1968 eröffnete Abbado die Opernsaison der Mailänder Scala. Er debütierte an der Covent Garden Opera in London mit seiner ersten Verdi-Oper (Don Carlos). Später überraschte er dort das Publikum mit Strawinskis Oedipus Rex und Alban Bergs Wozzeck. Wichtige Impulse für die Musik der Moderne, die in seinen frühen Studienjahren kaum eine Rolle spielte, erhielt er von seinen Landsleuten Maurizio Pollini und Luigi Nono. 1969 erhielt er eine feste Anstellung als Dirigent an der Mailänder Scala, 1971 wurde er zusätzlich dort Musikdirektor. 1979 war er Chefdirigent beim London Symphony Orchestra. Von 1980 bis 1986 war er Chefdirigent der Mailänder Scala. In den Jahren 1982 bis 1985 arbeitete er als Erster Gastdirigent mit dem Chicago Symphony Orchestra. Von 1983 bis 1986 war er Musikdirektor beim London Symphony Orchestra. 1984 gab er sein Debüt an der Wiener Staatsoper, dort wurde er 1986 Musikdirektor. Trotz hoher Qualität und einer großen Bandbreite an aufgeführten Werken scheiterte Abbado dort letztendlich an den Erwartungen. 1987 wurde er Generalmusikdirektor der Stadt Wien. Abbado gründete 1988 das Festival Wien Modern, das sich Aufführungen internationaler zeitgenössischer Musik widmet.

Im Oktober 1989 wurde Abbado, für die Musikwelt überraschend, von den Berliner Philharmonikern zum Nachfolger Herbert von Karajans gewählt. Auch die Zeit dort war nicht frei von Spannungen, sein offenes Musizierverständnis, das im Kontrast zum autoritären Karajan steht, provozierte gelegentlich Widerspruch. 1994 arbeitete er als Leiter der Salzburger Osterfestspiele und erhielt den Ernst von Siemens Musikpreis sowie den Ehrenring der Stadt Wien. Als Begründung hieß es, dass er „für die Interpretation überlieferter Musikwerke ebenso wie für die Aufführung zeitgenössischer Kompositionen aufregende Zeichen höchsten Ranges setzt“. Abbado erkrankte 2000 an Krebs, den er jedoch besiegte. 2002 nahm er seinen 1998 angekündigten Abschied von den Berliner Philharmonikern mit einem typisch breitgefächerten Programm: Brahms’ Schicksalslied, Mahlers Rückert-Lieder und Schostakowitschs Musik zu King Lear. 2002 wurde er mit dem Deutschen Kritikerpreis ausgezeichnet, 2003 erhielt er den Praemium Imperiale-Preis. In diesem Jahr begann er auch die Arbeit mit dem neu gegründeten Lucerne Festival Orchestra, das sich aus Musikern der weltweit großen Orchester zusammensetzt. 2008 erhielt er den Wolf-Preis.

Als Gründer des European Community Youth Orchestra (1978) und des Gustav Mahler Jugendorchesters (1986) widmet sich Abbado auch der Förderung des musikalischen Nachwuchses. Weiterhin gründete er das Chamber Orchestra of Europe (1981), das Mahler Chamber Orchestra (1997), das Lucerne Festival Orchestra (2003) und das Orchestra Mozart (2004)[1].

1994 erhielt er das Großes Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich[2]. 2001 erhielt Abbado den Würth-Preis der Jeunesses Musicales Deutschland. 2002 wurde er vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland Großes Verdienstkreuz mit Stern ausgezeichnet.[3]

Seit 2005 ist Abbado Ehrenbürger der Stadt Luzern.[4]

Repertoire

Von Abbado sind CDs mit Werken von nahezu jedem namhaften Komponisten erschienen. Trotzdem gibt es Komponisten, die auffallend oft vertreten sind: Gustav Mahler, Claude Debussy, Franz Schubert und auch Wolfgang Amadeus Mozart. Besonders in letzter Zeit fällt eine Rückkehr zu seinen „Favoriten“ auf. So dirigierte er 2009 die Berliner Philharmoniker mit einem Programm bestehend aus Schubert, Mahler und Debussy, im Mai 2010 bestand das Programm an derselben Stelle aus Schubert, Schönberg und Brahms.

Ebenso gelangen ihm oft (auch das vielleicht ein Gegensatz zu Karajan, dem die Kooperation bei Solo-Konzerten nicht immer glückte) herausragende Aufnahmen als Begleiter von Solisten:

Abbados Musizieren zeichnet sich durch eine Genauigkeit in der Artikulation und besondere Frische aus, später ist ein Einfluss der historischen Aufführungspraxis nicht von der Hand zu weisen. Als Vorbild gilt ihm Wilhelm Furtwängler, da bei ihm „jede Note, jede Phrasierung eine logische Bedeutung für den Zusammenhang des Ganzen gefunden hatte“.

Literatur

  • Cordula Groth: Das Berliner Philharmonische Orchester mit Claudio Abbado. Mit Beiträgen von Helge Grünewald, Hans-Jörg von Jena, Ulrich Meyer-Schoellkopf. Fotografiert von C. Groth. Nicolai, Berlin 1994, ISBN 3-87584-481-5.
  • Frithjof Hager: Claudio Abbado: Die anderen in der Stille hören. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2000, ISBN 3-518-39662-5.
  • Musik über Berlin. Claudio Abbado im Gespräch mit Lidia Bramani, aus dem Ital. übersetzt von Agnes Dünneisen und Beatrix Birken unter Mitarbeit von Doris Adloff. 2. Auflage. Dielmann, Frankfurt/M. 2002, ISBN 3-929232-82-0.
  • Ulrich Eckhardt (Hrsg.): Claudio Abbado. Dirigent. Nicolai, Berlin 2003, ISBN 3-89479-090-3.
  • Annemarie Kleinert: Berliner Philharmoniker von Karajan bis Rattle. Jaron Verlag, Berlin 2005, S. 1-189, ISBN 3-89773-131-2 (online lesbar: [2]) bzw. PDFs; Stand 15. August 2008)
  • Wolfgang Schreiber: Große Dirigenten. Piper, München 2005, ISBN 3-492-04507-3.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Julia Spinola: Die große Gabe des Klangs, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 28. April 2011, Seite 29
  2. Aufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952
  3. Bundesverdienstkreuz für Abbado, www.universal-music.de, 3. Mai 2002, online abgerufen am 17. Juni 2012
  4. http://www.stadtluzern.ch/dl.php/de/0czya-vjpp3k/Geschftsbericht2005_BuA19-05042006B.pdf
  5. www.tagesspiegel.de. Die Aufnahme erschien im Februar 2012 bei harmonia mundi: [1]