Martin Schulz

Dieser Artikel beschreibt den Politiker Martin Schulz, zum Heilbronner Hochschullehrer siehe Martin Schulz (Jurist).
Martin Schulz 2012

Martin Schulz (* 20. Dezember 1955 in Hehlrath, damals Gemeinde Kinzweiler im Landkreis Aachen, heute Stadt Eschweiler) ist ein deutscher Politiker (SPD) und seit Januar 2012 Präsident des Europäischen Parlamentes, dessen Mitglied er seit 1994 ist.[1]

Schulz war seit der Europawahl 2004 Vorsitzender der Fraktion der Sozialdemokratischen Partei Europas (SPE). Diese Fraktion trägt seit der Europawahl 2009 den Namen Progressive Allianz der Sozialisten und Demokraten im Europäischen Parlament (S&D). Er wurde am 13. November 2009 zum neuen Europabeauftragten der SPD gewählt.[2]

Inhaltsverzeichnis

Ausbildung und Beruf

Nach dem vierjährigen Besuch der Grundschule zwischen 1962 und 1966 besuchte Schulz neun Jahre das Heilig-Geist-Gymnasium im Broichweidener Ortsteil Broich (heute Würselen) und verließ es ohne Abitur. Danach machte er von 1975 bis 1976 eine Ausbildung zum Buchhändler.[3]

In den folgenden fünf Jahren war er bei verschiedenen Verlagen und Buchhandlungen tätig, bis er im Jahre 1982 seine eigene Buchhandlung in Würselen gründete, die er bis 1994 führte.

Politischer Werdegang

Martin Schulz im Europawahlkampf 2009

Im Jahre 1974 trat Schulz im Alter von 19 Jahren in die SPD ein, engagierte sich bei den Jusos und wurde 1984 in den Würselener Stadtrat gewählt, dem er knapp zwei Wahlperioden bis 1998 angehörte. 1987 wurde Schulz Bürgermeister von Würselen. Mit seinen 31 Jahren war er damals der jüngste Bürgermeister Nordrhein-Westfalens. Dieses Amt hatte er bis 1998 inne.

Während seiner Amtszeit als Bürgermeister in Würselen war Martin Schulz insbesondere für den Bau des Spaßbades Aquana verantwortlich. Angesichts der Haushaltslage der Stadt wird diese Entscheidung seit Jahren kritisch gesehen.

Bei der Europawahl 1994 wurde Schulz ins Europäische Parlament gewählt und war zwischen 2000 und 2004 Vorsitzender der deutschen SPD-Landesgruppe. Seit der Europawahl 2004 hat er den Fraktionsvorsitz der SPE inne. Er folgte in dieser Position dem Spanier Enrique Barón Crespo. Seit dem 13. November 2009 ist er neuer Europabeauftragter der SPD, um die Koordinierung der Parteiarbeit mit der EU-Politikebene zu verbessern. Er ist ferner Mitglied der überparteilichen Europa-Union Deutschland.[4] Am 17. Januar 2012 wurde Schulz zum neuen Präsidenten des Europäischen Parlamentes gewählt.

Konflikt mit Berlusconi

Am 2. Juli 2003 kam es im Europaparlament zu einem Eklat, als Schulz den anwesenden italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi in dessen Doppelfunktion als Regierungschef und Medienunternehmer scharf kritisierte und dabei von einem „Virus der Interessenskonflikte“ sprach. Berlusconi schlug ihm daraufhin vor, er solle die Rolle des Kapo in einem KZ-Film übernehmen, der in Italien gedreht würde:

«Signor Schulz, in Italia c’è un produttore che sta preparando un film sui campi di concentramento nazisti, la proporrò per il ruolo di kapò. Lei è perfetto!»

„Herr Schulz, in Italien gibt es einen Produzenten, der einen Film über Nazi-Konzentrationslager dreht. Ich werde Sie für die Rolle des Kapo empfehlen. Sie sind perfekt!“

Silvio Berlusconi: Diskussion im Europaparlament am 2. Juli 2003[5][6]

In der daraufhin entstandenen Diskussion im Europa-Parlament wollte Berlusconi diese Äußerung als Witz verstanden wissen. Er habe auf die Namensähnlichkeit zwischen Schulz und dem gutmütigen Kriegsgefangenenlager-Aufseher Schultz aus der Fernsehserie Ein Käfig voller Helden anspielen wollen.[7][8]

Konflikt mit Godfrey Bloom

Am 24. November 2010 sorgte der britische Europaabgeordnete Godfrey Bloom für einen Eklat im Europäischen Parlament, weil er Martin Schulz mit dem nationalsozialistischen Propagandaspruch „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ ins Wort fiel und ihn als „undemokratischen Faschisten“ bezeichnete. Schulz hatte in der Debatte über die Zukunft des Euro-Stabilitätspaktes die Sonderrolle des nicht zur Eurozone gehörenden, aber trotzdem an der Diskussion teilnehmenden Vereinigten Königreichs kritisiert und gesagt, einige Euroskeptiker würden sich über den Zerfall der EU freuen. Der Parlamentspräsident Jerzy Buzek verwies Bloom nach dem Zwischenfall aus dem Saal.[9] Dagegen wiederum protestierte der niederländische Abgeordnete Barry Madlener von der rechtspopulistischen Partij voor de Vrijheid (PVV), denn Schulz selbst habe in der jüngeren Vergangenheit den PVV-Abgeordneten Daniël van der Stoep als Faschisten bezeichnet, sei danach aber nicht des Saales verwiesen worden.[10]

Parlamentspräsident seit 2012

Nach der Europawahl 2009 erreichte Schulz Aufmerksamkeit, als er eine schnelle Zustimmung seiner Fraktion zu einer zweiten Amtszeit der Kommission Barroso verhinderte und stattdessen zusammen mit dem grünen Fraktionsvorsitzenden Daniel Cohn-Bendit den belgischen Liberalen Guy Verhofstadt als Kandidaten für das Amt des Kommissionspräsidenten ins Spiel brachte.[11] Später lockerte Schulz jedoch seinen Widerstand und forderte nur noch, dass Barroso auf bestimmte politische Bedingungen der Sozialdemokraten eingehen müsse.[12] Im Gegenzug kam es zu einer informellen Einigung zwischen der konservativen EVP und der SPE, nach der Schulz im Jahr 2012 dem polnischen EVP-Mitglied Jerzy Buzek als Präsident des Europäischen Parlaments nachfolgen sollte.[13] Anfang Juni 2011 kündigte Schulz auch formell an, dass er für dieses Amt kandidieren wolle.[14] Am 17. Januar 2012 wurde Schulz bereits im ersten Wahlgang mit der erforderlichen Mehrheit zum Präsidenten des Europaparlaments gewählt.[1]

Ehrungen und Auszeichnungen

Familie und Freizeit

Martin Schulz ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Leidenschaft gilt neben den Büchern auch dem 1. FC Köln.

Weblinks

 Commons: Martin Schulz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b Sozialdemokrat Schulz neuer EU-Parlamentspräsident. Focus Online (18. Januar 2012). Abgerufen am 19. Januar 2012.
  2. SPD-Chef Gabriel fordert Neuanfang. Frankfurter Allgemeine Zeitung (13. November 2009). Abgerufen am 19. Januar 2012.
  3. Martin SCHULZ. Europäisches Parlament. Abgerufen am 19. Januar 2012.
  4. Europa-Union Parlamentarier im Europäischen Parlament. europa-union deutschland. Abgerufen am 19. Januar 2012.
  5. Parlamento Europeo, Discussioni Mercoledì 2 luglio 2003 - Strasburgo (italienisch) - Originalprotokoll der Diskussion im Europaparlament
  6. Debatte im Europaparlament (YouTube Video, mit Einblendungen)
  7. Ein Mann sieht Rot. Focus Online (15. April 2008). Abgerufen am 19. Januar 2012.
  8. „Ich schlage Sie für die Rolle des Lagerführers vor“. Spiegel Online (2. Juli 2003). Abgerufen am 19. Januar 2012.
  9. Brite attackiert SPD-Abgeordneten mit Nazi-Parole. Spiegel Online (24. November 2010). Abgerufen am 19. Januar 2012.
  10. Europarlementariër uit debat gezet na nazi-uitspraak (Niederländisch). Elsevier (24. November 2010). Abgerufen am 19. Januar 2012.
  11. Unterstützung für Verhofstadt als Nachfolger Barrosos wächst. EurActiv.com (10. Juni 2009). Abgerufen am 19. Januar 2012.
  12. SPE uneins über Namensänderung, Barroso. EurActiv.com (2. Juli 2009). Abgerufen am 19. Januar 2012.
  13. Liberale sollen im neuen EP bedeutenden Ausschüssen vorsitzen. EurActiv.com (9. Juli 2009). Abgerufen am 19. Januar 2012.
  14. SPD-Mann Schulz will Präsident in Straßburg werden. Spiegel Online (7. Juni 2011). Abgerufen am 19. Januar 2012.
  15. BİLGİ Conferred the Title of Doctor 'honoris causa' upon European Parliament President Martin Schulz. (Englisch). Istanbul Bilgi University (31. Mai 2012). Abgerufen am 18. September 2012.
  16. Martin Schulz erhält eine der höchsten Auszeichnungen Frankreichs. Sozialdemokratische Partei Deutschlands - Parteivorstand (8. Juni 2010). Abgerufen am 19. Januar 2012.
  17. Europa ist ohne Russland nicht denkbar. Königsberger Allgemeine (25. Juni 2009). Abgerufen am 22. Februar 2012.
  18. Aufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952